Stefan Ernsting · Der rote Elvis · 2004

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DAS DA LINKS IST STEFAN. ER HÄLT EINE SCHALLPLATTE VON DEAN REED IN DER HAND. ÜBER DEN HAT STEFAN NÄMLICH EIN BUCH GESCHRIEBEN. UND DAVON ERZÄHLT ER UNS JETZT...


Erklär mal kurz unseren westdeutschen Lesern, wer Dean Reed war, bitte...

Dean Reed wurde 1938 geboren...

Nicht so langweilig!

...jaja, okay. Der war ein Linker, der in Amerika nichts geworden ist, aber Popstar sein wollte. Dann hat er in Südamerika in den frühen Sechzigern politisch Bestätigung gefunden und kurzzeitig auch kommerziellen Erfolg. In Italien drehte er ein paar Spaghetti-Western, bekam dort aber politisch Probleme. 1972 ging er in die DDR, wo er geheiratet hat. Und ab '66 ist er durch die Sowjetunion getourt. Kurz gesagt: Er war der größte Star im Sozialismus - oder anders gesehen, ist er der unbekannteste Superstar aller Zeiten. Jeder jenseits des "Eisernen Vorhangs" weiß, wer das ist - bis nach Bangladesch, Irak, Libanon...

War er in erster Linie Musiker oder Filmstar oder ging das Hand in Hand?

Er hat 1959 bei Capitol Records unterschrieben, hat dort sechs Singles gemacht, die allesamt komplett gefloppt sind. Sollte da auch Filme machen, war auf der Filmschule und hat erste kleinere Rollen in Südamerika bekommen. War auch später in Italien nur Kleindarsteller. Er hat auch Drehbücher geschrieben und war Regisseur - er war von allem ein bisschen, aber nichts konnte er so richtig gut. Das ist das Problem gewesen. Nur seine politische Überzeugung hat er dabei nie verloren. Er war ein recht mittelmäßiger Künstler mit wenig originellen Einfällen, der hauptsächlich davon lebte, im Osten Coverversionen von Songs zu spielen, die man da nicht bekam: Rock'n'Roll-Medleys, Beatles-Medleys, "My Way". In erster Linie hat er sich aber als politischen Menschen gesehen, der sein Geld verdient mit schmuddeligem Unterhaltungs-Quatsch. Er war sich auch darüber bewusst, dass diese Filme Schrott sind letztendlich.

Wie bist du auf Dean Reed aufmerksam geworden?

Das war im Sommer 2001, kurz vor dem 11. September, wir saßen Bier trinkend zusammen in einem Berliner Biergarten und haben uns über Verschwörungstheorien unterhalten. Und irgendwer meinte: "Das ist doch wie mit Dean Reed, da müsste man auch mal nachforschen" - und alle um mich herum nickten. Nur ich fragte: "Wer?" Die Leute um mich herum waren aus dem Osten und ich hörte dann zum ersten Mal, dass die DDR sozialistische Western gedreht hat. Indianerfilme, also aus der Perspektive der Ureinwohner. Was mich interessiert hat, war dass wir im vereinten Deutschland saßen und eine ganz klare Ost-West-Teilung bestand in der Form, dass alle Ossis Bescheid wussten, aber wir Wessis noch nie von diesem Typen gehört hatten.

Das hat dann dein Interesse geweckt und du hast gleich mit der Recherche begonnen?

Ja, sofort. Und es hat sich herausgestellt, dass alles gestimmt hat, was unsere Ossi-Freunde erzählt haben. Hinzu kam, dass Dean Reed 1986 ertrunken ist und es in der DDR immer schon Gerüchte gegeben hat, dass es kein Unglücksfall war wie offiziell kolportiert wurde.

Wie kam es dann zu der Buch-Idee?

Ich traf irgendwann Leo wieder, der auch mit an dem Tisch saß, und meinte zu ihm: Hier, das ist ja eine fantastische Geschichte. Ich hab mal nachgeschlagen: Der war schwer unterwegs, Ehrengast bei der Amtseinführung von Allende, hier ein Foto von ihm und Arafat, mit dem er auch einen Film machen wollte über Kinder im Libanon. Lauter solche Sachen, die dollsten Geschichten: In Nicaragua vor der US-Botschaft Sternbanner angezündet - rausgeflogen! Überall rausgeflogen! Dauernd eingeknastet. Was ist das für eine Wahnsinns-Geschichte. Und dann ist der Typ '86 ersoffen und keiner weiß was da los ist! Mit Betäubungsmitteln im See gefunden worden, fünf Minuten von seinem Haus entfernt und trotzdem hat man fünf Tage gebraucht, um seine Leiche zu finden. Irgendwas stimmt da nicht. Meine erste Idee war, das als größere Geschichte für eine Tageszeitung zu machen. Hab es auch der Süddeutschen angeboten, aber die haben letztendlich eine Geschichte aktuellen Inhalts vorgezogen. Dann war die Idee, daraus ein Drehbuch zu machen. Ich hab weiter recherchiert und irgendwann war mir klar: Das ist die amerikanische Heldensaga par excellence. Das ist der Junge vom Lande, der raus geht in die Welt, um es zu schaffen, um ein Star zu werden. Alles was der immer wollte, war auch in Amerika ein Star zu sein, da wo ihn keiner kannte und er politisch unerwünscht war. Irgendwann stellte ich aber fest: Wieso eigentlich Spielfilm? Das was du da gerade machst, ist ja quasi die Biografie skizzieren und über einen längeren Text ausarbeiten. Dann mach doch eine Biografie.

Gab's noch keine?

Es gibt eine, die ist in der DDR erschienen, die ist allerdings maßlos - ein fassungsloses Propagandawerk.

Du musstest also auf eigene Faust weiter recherchieren. Was hattest du für Quellen?

Mir war schnell klar, dass ich Interviews machen müsste. Und die musste hochkarätig sein. Ich habe dann aber gemerkt, dass das nicht so gut funktioniert, wenn ein Wessi zu diesem Thema Interviews führen will. Und deshalb habe ich meinen Freund Leo gefragt, ob er nicht mit mir zusammen arbeiten und einen Dokumentarfilm drehen will.

Ist Leo aus dem Osten?

Ja.

Ihr habt also gemeinsam recherchiert: Du für dein Buch und Leo für seinen Film?

Genau. Die Dreharbeiten haben im November 2003 begonnen und basieren auf den von mir bis dato erarbeiteten Informationen. Dann sind wir aber schnell mal auf Probleme gestoßen: In einigen Interviews wurden sehr interessante Dinge gesagt, aber der Interviewte wollte nicht als Quelle genannt werden - das ging von Manfred Krug bis Gojko Mitic, der heute den Winnetou in Bad Segeberg spielt. Das ist natürlich schade, mussten wir aber respektieren. Manfred Krug etwa hat gesagt: "Der Mann ist tot, warum soll ich im Nachhinein über den lästern? Jeder weiß, dass ich zu Lebzeiten bei jeder Gelegenheit über ihn gelästert habe und ihn unheimlich doof fand. Da möchte ich jetzt nicht noch mal nachtreten." Es gibt so gewisse Episoden mit dem Krug, die uns von anderen geschildert wurden, daraus wird klar, dass Krug es dem Reed so richtig gegeben hat. Als er dann aber tot war, war Krug völlig bestürzt, als er erfuhr, wie persönlich Reed das genommen hat. Der hat einfach den Humor vom Krug nicht verstanden. Der kam aus Colorado, der hat das nicht kapiert. Der hat das auch nicht kapiert mit dem Sozialismus in der DDR, der hat eigentlich gar nichts kapiert. Er war ein Junge vom Lande, hatte nicht studiert, war Autodidakt. Mit einem Großkotz wie Krug konnte er nicht mithalten.

Mit wem habt ihr sonst noch sprechen können? Gibt es eine Witwe?

Seine erste Frau hat er in Südamerika geheiratet, eine US-Amerikanerin namens Patty Hobbs, die vorher schon mit Elvis und Ricky Nelson ausgegangen war. In Italien war aber irgendwann Schluss. Dann hat er Wiebke geheiratet, 1971 in der DDR,das ging aber auch 1978 in die Brüche. 1981 hat er schließlich Renate Blume geheiratet, die meist gefeierte Schauspielerin in der DDR. Die Renate Blume ist aber leider für Interviews gesperrt, da sie exklusiv für Tom Hanks zur Verfügung steht.

Okay, Stichwort Tom Hanks: Wann hast du das erste Mal gehört, dass der auch an der Geschichte dran ist?

Anfang 2003, da sprach ich mit einer Dame in einem Filmarchiv in Potsdam, die etwas kicherte, als ich auf Dean Reed zu sprechen kam und daraufhin meinte, dass vor kurzem Tom Hanks und Steven Spielberg da waren und sich ebenfalls nach Reed erkundigt hatten. Ich dachte, die will mich verarschen. Ein paar Tage später stand aber in der Zeitung, dass Spielberg tatsächlich in Potsdam gesichtet worden sei. Und als der Film "Catch Me if You Can" in den Medien war, wurde auch berichtet, dass Tom Hanks bei Egon Krenz im Gefängnis war und sich mit Thomas Sindermann, dem Chef der Ostberliner Mordkommission, und Victor Grossman, dem Übersetzer von Dean Reed, getroffen hat. Weiterhin hat sich Tom Hanks mit Wiebke Reed und Renate Blume getroffen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir zu Renate Blume übrigens noch telefonischen Kontakt, nur war da schon klar, dass sie in irgendwelchen dubiosen Verhandlungen steckt. Doch erst jetzt wurden anscheinend Verträge unterschrieben, was bedeutet, dass sie der Crew von Tom Hanks zur Verfügung steht, dafür Geld kriegt, aber mit keinem anderen sprechen darf.

Hast du mal daran gedacht, in Hollywood anzurufen und dein Wissen anzubieten?

Klar, das hab ich sofort überlegt. Und ich hab mich auch informiert, was die Möglichkeiten sind. Tatsache aber ist: Der Film läuft unter dem Titel "Comrade Rockstar" - ah, da fällt mir ein, es gab noch eine weitere Biografie in Buchform, von der stammt dieser Titel "Comrade Rockstar". Die ist 1990 kurz nach dem Fall der Mauer erschienen, ist aber an sich 1987/1988 entstanden und nicht gleich verkauft worden. Dieses Buch ist also zu einem Zeitpunkt entstanden, als die Autorin, eine Journalistin und Krimi-Autorin aus New York, dachte, die Mauer steht noch eine Weile. Sie hat die Geschichte aus amerikanischer Sicht geschrieben. Als Kronzeugin fungiert Dixie Schnebly, eine ehemalige Kindergartenfreundin von Reed, die als Truckdriverin 1986 anfing, seine US-Managerin sein zu wollen. Die erzählt in dem Buch alle möglichen Verschwörungstheorien - CIA, KGB, Mossad. Zentrale These von diesem Buch ist: Die Stasi hat Dean Reed seine zweite Frau Wiebke ins Bett gelegt, damit er im Osten bleibt. Was völliger Unsinn ist. Nach Erscheinen des Buchs ist von Wiebke Reed geklagt worden, woraufhin diese sofort einen Batzen Geld gesehen hat und das Buch nicht weiter verkauft werden durfte. Wenn nun Tom Hanks seinen Film auf dieses Buch aufbaut, dann hat er nichts in der Hand, denn die Autorin hat darin blind Russenpropaganda übernommen. Etwa, dass Dean Reed auch in den USA ein Star war. Totaler Quatsch. Was mich aber gewundert hat, ist, dass Tom Hanks mit vielen Leuten gesprochen hat, z.B. mit dem alten DEFA-Regisseur Günter Reisch, aber nicht mich als Experten kontaktiert hat.

Du selbst bist nicht auf Hanks zugegangen?

Doch! Über eine Agentin, die ich mir genommen habe und die sich mit sowas auskennt.

Und was war das Feedback?

Gar keins.

Vermutlich haben die es interessiert zur Kenntnis genommen, dass ein Typ aus Berlin an der selben Geschichte dran ist...

Keine Ahnung. Ich weiß aber, dass die Amis durch verschiedene Quellen von meinem Buch wissen.

Immerhin bekommst du duch den Film gratis Werbung für dein Buch.

Klar. Aber die Sache hat zwei Seiten: Natürlich hätte ich nichts dagegen, von Hanks Geld zu bekommen. Aber wäre jetzt Hanks oder ein anderer Hollywood-Star nicht auch auf die Geschichte gestoßen, hätte ich mehr Chancen gehabt, mein Buch als Basis für einen Film zu verkaufen. Denn das war ja meine ursprüngliche Intention. Aber wenn jetzt der Hanks einen Film darüber macht, brauchst du keinen zweiten zu machen. Das ist die eine Seite. Die andere ist: Ich könnte keine bessere Werbung für mein Buch haben. Und - mit Verlaub - das wird das Standardwerk zu Dean Reed werden. Weil da die wahre Geschichte drin steht. Auch wenn der Hanks-Film auf dem Buch der Journalistin bestehen sollte, der kann daraus machen was er will: eine wüste Spionagegeschichte, ein Psychodrama, sogar eine Komödie. Aber in meinem Buch geht es um Fakten, darum was die Angehörigen gesagt haben, wie die Platten von Dean Reed einzuordnen sind - das ist eine reelle Biografie. Und "Comrade Rockstar" ist ein "fake piece" von einer Journalistin, die über die Mauer hinaus gereist ist und viele persönliche Eindrücke vom Russland dieser Zeit gesammelt hat. Aber sie hat die Wahrheit nich gefunden - und ihre Interpretationen sind etwas müßig.

Hast du denn die Wahrheit gefunden?

Es gibt keine Wahrheit, das war jetzt Quatsch. Aber mein Buch ist vernünftig von verschiedenen Seiten recherchiert, wir haben den Stadtplan in die Hand genommen und sind da hingefahren, wo das alles passiert ist. Haben mit den Bullen am See gesprochen, mit der Witwe. Darüber hinaus habe ich über dubiose Kanäle die Stasiakten erhalten, daraus erfährt man auch so einiges. Und was ich nicht gemacht habe, ist mich ausschließlich auf eine oder zwei Quellen zu stützen. Ich habe das, was man mir gesagt hat oder was ich irgendwo gelesen habe, stets hinterfragt: Stimmt das? Wenn du dich jetzt hinsetzen würdest und ein Buch über Tic Tac Toe schreiben würdest, weil du denkst, die wären das beste Beispiel, um die Neunziger und die Casting-Kultur zu erklären, dann müsste dieses Buch beinhalten, wer diese Mädchen wirklich sind und dass die meisten Geschichten in der Presse Quatsch waren. Man versucht "hinter die Poster zu gucken", wie Udo Lindenberg mal so schön gesagt hat.

Was war denn für dich die herausragendste Begegnung während der Recherchen?

Wichtig war die Erkenntnis, dass ich als Wessi alleine nie interessante Interviews hätte führen können. Das wäre ohne Leo alles nur die halbe Miete gewesen, bitte schreib das da rein. Ansonsten fand ich faszinierend, dass diese Person Dean Reed und die Rolle, die er gespielt hat, sämtliche Leute sofort zum Reden gebracht hat. Ob das nun Egon Krenz war, mit dem wir das erste Interview gemacht haben, direkt als er aus dem Knast raus kam...

Wie ging das denn?

Es gab eine schriftliche Anfrage, die wir ihm ins Gefängnis geschickt haben und woraufhin Egon Krenz persönlich bei Leo angerufen hat...

Ist bestimmt komisch, wenn so einer bei dir anruft?

Allerdings. Das ist eigentlich die schönste Anekdote, die so auch gar nicht in dem Buch drin steht: Ich kam irgendwann abends bei Leo vorbei und der meinte: "Weißt du wer bei mir auf dem Anrufbeantworter ist? Der Staatsratsvorsitzende..." Er macht so an, klick, und... (ahmt die Stimme von Krenz nach) "Hallo, hier ist Egon Krenz. Ich würde eigentlich sehr gerne in Ihrem Film mitspielen, aber leider halten mich Arbeit, Haft und Familie davon ab."

Arbeit, Haft und Familie. Wie großartig!

Ja, das war seine fadenscheinige Ausrede. Dank Leo haben wir ihn noch umstimmen können.

Mit wem habt ihr sonst noch gesprochen?

Zum Beispiel mit Armin Mueller-Stahl und Harry Belafonte. Belafonte ist damals auch mit Reed aufgetreten und für mich ist der ein Titan. Der linke Weltstar schlechthin. Aber wir haben auch mit vielen interessanten Menschen gesprochen, die nicht berühmt sind. Weil darum geht es ja nicht. Es geht darum, die Geschichte von allen möglichen Seiten zu durchleuchten.

Kannst du zum Schluss noch einen Tipp geben, welchen Dean-Reed-Film und welche -Platte man als Neugieriger ausprobieren sollte?

Die Platten kriegt man ganz gut auf ostdeutschen Flohmärkten oder bei Ebay. Die sind allerdings ziemlich austauschbar. Am interessantesten sind die frühen Werke, wo er mit seiner dünnen Stimme die Beatles-Medleys spielt. Zu den Filmen: was immer wieder in der Glotze läft, ist "Adios Sabata" mit Yul Brunner, ein ordentlicher Spaghetti-Western, der an sich ein Remake von "Vera Cruz" ist. Den gibt's auch auf DVD. Der eigentiche Klassiker ist aber "Blutsbrüder" mit dem Gespann Reed/Mitic, das war der erfolgreichste DDR-Film überhaupt.

Okay. Danke für das Gespräch, Stefan.

Interview: Mongo

Das Buch "Der Rote Elvis" von Stefan Ernsting ist bei Kiepenheur erschienen.
Ernsting, der früher das "Gags & Gore"-Fanzine gemacht hat, lebt in Berlin und ist ein guter Saufkumpane.

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Letzte Änderung: 2006-07-08