Jürgen Eger

Ich, Jürgen Eger – Made in DDR

Der Dichtersänger Jürgen Eger stellt sich vor
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Jürgen Eger

Die Redaktion von American Rebel bat mich, an dieser Stelle ein paar Arbeiten von mir aus den 80er Jahren vorzustellen. Das will ich gerne machen, und also darf ich auch mich selbst denen, die mich nicht kennen oder vergessen haben, kurz vorstellen.

Geboren 1954 in Berlin, Hauptstadt der DDR, durchlief ich von der Kinderkrippe über Einschulung, EOS bis zum erfolgreichen Abschluss des Diplomstudiengangs Elektronik/Technologie an der TU Dresden, einen ganz normalen DDR-Bürger-Lebensbeschreitungsweg.
Während meiner drei Absolventen-Pflichtjahre in einem Berliner VEB begann ich mit dem Gesangsunterricht an der berühmten Musikschule Friedrichshain. Nach meiner Kündigung war ich dann, um nicht als asozial zu gelten, Nachhilfelehrer für Mathe und Physik. Das musste ich, um Amateurmusiker sein zu können. Danach, erst halbillegal, wenig später nach einem Sängerpreis bei den DDR-nationalen Chansontagen in Frankfurt/Oder 1981, berufsausweis-anerkannter DDR-Chansonsänger. Ich verwendete aber alsbald für mich die Bezeichnung ‚Dichtersänger‘. Als Alleinstellungsmerkmal, wie man dazu heute in der sogenannten Freiheit sagt. Soviel Marketing ging auch in der DDR. Später konnte ich mich auch als Publizist und Regisseur profilieren. Ich war seit 1981 der wohl einzige staatlich-anerkannt-freischaffende und steuerlich so geführte Agitator der DDR, und es war immer lustig bis verunsichernd, wenn ich das, bis 1989, zum besten gab. Ab 1990 wurde meine kleine Schweykiade dann von den Besatzern und ihren Kollaborateuren absichtsvoll missverstanden und als Verbrechen gewertet und ich war allein deshalb, mit 35 Jahren, schon eine sogenannte Altlast.

»Kopf hoch«“, Amiga, DDR 1984 / „Der Zeit die Zähne zeigen“, Pläne, Brd 1986

Ich studierte in den 1980ern sieben Jahre lang selbstbestimmt und privat an der Berliner Musikhochschule und an der Humboldt-Uni in Berlin, textete gelegentlich auch für andere, machte Theater und hatte in den DDR-Endzeiten auch eine Band, mit der ich DDR-Rock- und Pop-Lieder aufführte, auch solche, die nicht mehr über den Rundfunk gesendet wurden: Renft, Krug, Panta Rhei, Fischer usw. Die DDR hat so viele schöne deutsche Lieder hervorgebracht! Allein das kennzeichnet sie schon als ihrem heutigen Zerrbild entgegengesetzt.
Als Herbstaktivist beteiligte ich mich 1989 an diversen Kollektivunternehmungen, die sämtlich seit 1990 totalgleichgeschaltet großöffentlich falsch und von Jahr zu Jahr falscher erzählt werden. Sowohl die Resolution der Rocker und Liedermacher im September, als auch die Demo am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz in Berlin (DDR) – ich war an beidem von Anfang bis Ende beteiligt – und so vieles andere waren seitens der Aktivisten, Organisatoren, Mitwirkenden, Erstunterzeichner usw. mit der Verteidigung und Verbesserung der DDR motiviert; woran sich der eine und die andere alsbald nicht mehr erinnern konnte oder wollte oder beides… Und die anderen werden eben nicht mehr gefragt oder nicht gesendet, wenn sich falschrichtig-richtigfalsch antworten. Und mit Kirche hatte das meiste sowieso nichts zu tun. Ich wurde u.a. zweimaliger Preisträger der Chansontage, Kunstpreisträger der FDJ und der DDR.

»Diaeklektische Liedersprüche«, VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR, erschienen bei LITERA, 1987

Anfang Dezember 1989 wurde ich als einer der ersten DDR-Künstler unter Mitwirkung einiger meiner mir in den Rücken gefallenen DDR-Kollegen, einige fressen heute noch auf der Grundlage entsprechender „freiheitlicher“ Schuldbekenntnisse und Denunziationen ihr künstlerisches Gnadenbrot im Anschluß-Ghetto, von Biermann & Co. abgestraft und in die Volksverhetzungssuppe gehackt. Der B. war und hatte sich selbst sozusagen vorgeschickt, die kohlsche Neuauflage des hitlerschen Kommissarbefehls durch- und auszugeben. Es gab damals keinen Geeigneteren. Und also wird er heute noch vom Regime auch dafür belohnt. Es folgten mehrere Berufsverbote, die aber seit 1990 nicht mehr Berufsverbote genannt werden, des weiteren Degradierungen, Plattmachen, Strafverfolgungen, Verfahren, Prozesse… Das seither millionenfach gegen DDR-Bürger praktizierte Übliche. Was aber auch großöffentlich und parlamentsroutinedreh-korrupt in den Propaganda-Skat gedrückt wird, nicht zuletzt mittels Umbenennung der DDR-Bürger in sogenannten Ostdeutsche. So verliert sich meine künstlerische Spur in der Totalzensur der Anschlußdiktatoren.
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Manu (1982)

Mit „Manu“ ging ich 1983 zum zweiten Mal nach Frankfurt/O an den Start zu den Chansontagen. Beim ersten Mal, 1981, war das spannendste Lied meines Werkstattauftritts „Der Enkel des Wunderrabbi“ – die Teilnehmer sangen so zwei drei mal Lieder. Spannend auch, weil ich den „Enkel“ damals erst wenige Wochen vorher geschrieben, so zwei…drei, und nur 1…2 Mal öffentlich gesungen hatte. Meine Freunde hatten mir abgeraten, sie meinten, es sei politisch zu gewagt… Tatsächlich hatten auch einige Funktionäre im Vorfeld der Chansontage Angst vor dem Lied, weil sie meinten, es könne als antisemitisch gewertet werden… Und sie hätten dann als nicht wachsam genug was abbekommen können, wenn sie nicht gegen das Lied gewesen wären.

Diesmal also ein Lied, das ich schon gut ausprobiert hatte, und um dessen Stärke und Wirkung ich wußte. Und richtig, ich wurde nach meinem Auftritt eigentlich von allen Kennern und Eingeweihten, aber auch von normalen Kartenkäufern mit klaren Vorsprung als Hauptpreisträger gehandelt, und das blieb auch so bis zum Ende der Wettbewerbsauftritte. Aber – o Wunder! – Hauptpreisträger wurde ein abendfüllendes Programm, mit dem kein Wettbewerbs-Teilnehmer hatte wirklich konkurrieren können und das auch gar nicht im Wettbewerb gewesen war. Ein von der Generaldirektion für Unterhaltungskunst, die ja die Chansontage veranstaltete, bezahlter und produzierter Abend mit etlichen namhaften Liedermacher- und Chanson-Kollegen. Ich war vorher gefragt worden, da mitzumachen, lehnte aber ab, weil ich es für schmierig hielt, wenn ich als Wettbewerber gleichzeitig bei diesem repräsentativen, offiziellen Programm mitmachte. Ich wollte jedenfalls nicht nach Korruption riechen. Und nun sahen wir alle, die wir uns um die Preise beworben hatten, uns um den Hauptpreis beschissen.

Ich sollte den Preis des Schriftstellerverbands bekommen. Und lehnte ab. Ich war um den Hauptpreis angetreten und hatte feststellen müssen, daß es den gar nicht wirklich gab. Jedenfalls nicht für die Bewerber. Ich war wieder einmal aus der Reihe getanzt; der Eklat war perfekt. Aus heutiger Sicht hätte ich mich ab 1990 also zum DDR- und SED-Opfer erklären können. Mit Ausreiseantrag auch schon früher. Das ist ja der Stoff, aus dem schon in den 1980ern Rühr- und Empörungsgeschichten gesponnen waren. Und ab 1990 dann erst recht, von wegen Unrechtsstaat. Aber wer wollte sowas schon und den Brd-Staats-Propaganda-Nazis nach dem Munde reden? Für einen Charakter war das nichts. Und ist es heute erst recht nichts.

Unser aller seit den 1970ern Chansonmutter Gisela Steineckert nahm mich zur Brust. Also mütterlich beiseite. Um mich unartigen, störrichten Angeber zu korrigieren. Im Folgejahr wurde sie dann die Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst. Eine erhebliche Aufwertung der Genres, der Künstler und auch ihres politischen Gewichts.

Gisela Steineckert, seit 1979 Mitglied des Komitees für Unterhaltungskunst in der DDR, dessen Präsidentin sie von 1984 bis 1990 war.
Bild aus dem Jahr 2016

Hab ich mich überreden lassen. Ihr Argument: An dem Schriftstellerverbandspreis hängt die Kandidatur. Hm. Mit Speck fängt man Mäuse. Was habe ich vom Hauptpreis – was von der Kandidatur? So ihre Überredung. Tatsächlich war kaum ein Frankfurter Hauptpreis schneller vergessen als der 1983er. Sie, also Gisela, war – und ist es immer noch – eine kluge, mütterliche Respektsperson. Leider war Hermann Kant, der Präsident der DDR-Schriftsteller, doch noch bissl respektabler, weil es seine Branche war, und er machte ihr einen recht dicken Strich durch ihre strategischen Rechnung, hier für die Lied-Dichter mehr gesellschaftliche Wertschätzung herauszuschinden. Auf der ich einer ihrer Posten unter anderen war. Es blieb dabei: Literatur mußte zwischen Buchdeckel gepreßt sein. Nach einem Viertel- oder halben Jahr war meine Kandidatur dann auch wieder vorbei: Kant hatte „njet“ gesagt zu diesem Transfer. Alle Posten gestrichen, und also Eger aus der Kandidatenliste. Und also war der Handel für mich ein Kuhhandel.

Da ich ja nun eingeknickt war im November 1983 vor ihrem mächtigen Charme, trat ich dann doch im Abschluß- und Preisträger-Konzert auf. Das ähnlich inszeniert war wie der repräsentative Abend, der neben den üppigen Generaldirektions-Honoraren auch noch den Hauptpreis abgesahnt hatte. Nur daß statt der schon gestandenen Kollegen und neben ihnen nun die Preisträger ihre Auftritte hatten. Jeder mit einem Lied, soweit ich das erinnere. Also war „Manu“ Bestandteil dieses Abends. Und da das DDR-Fernsehen seine Kameras aufgefahren hatte, wurde mein Auftritt mit diesem Lied einer von meinen 2…3 Fernsehauftritten, die ich nach meiner Erinnerung in meinen Sängerjahren absolvierte; das Genre war im Hörfunk ganz gut vertreten und zunehmend auch auf schwarzen Platten serviert, im TV eher weniger bis gar nicht. In späteren Jahren gab es dann u.a. eine Sendereihe mit der wunderbaren, großen Gisela May. Die für mich nicht taugte; ein Auftrittsangebot dort lehnte ich dankend ab. Diese Unterbelichtung könnte man natürlich in der üblichen Weise mit Zensur in der DDR begründen. Aber: Es gab ja bei uns nicht wirklich viel zu sehen, und die Popularität der DDR-Lied-Artisten hielt sich insgesamt in Grenzen. Die populärsten Sänger wie Jürgen Walther, allerdings als Chansonier, waren auch öfter im Fernsehen. Allemal war das Genre im DDR-Fernsehen, das umbenannt ja bis Ende 1991 sendete, wesentlich präsenter als seit 1992 im Besatzer-TV. Was beim DDR-Kritteln ja nicht mitgedacht werden darf.

Ein paar Monate später berichtete mir die Kollegin Gina Pietsch anläßlich eines Besuchs bei ihr, Franz-Josef Degenhardt habe diesen DDR-TV-Abend geguckt, also meinen bis dahin einzigen Auftritt in diesem, und sich bei ihr nach mir erkundigt; sie waren gut befreundet und die telefonierten desöftern, wie sie mir sagte. Ich erinnere, er habe gesagt: „Ich wußte gar nicht, daß ihr so gute Leute habt.“ Das ging natürlich runter! Rumwienum: Er bot mir an, mir einen Plattenvertrag im Westen zu vermitteln und bot mir CBS oder „pläne“ zur Auswahl. Also Kapitalismus pur und den DKP-gemäßigten Kapitalismus. Denn „pläne“ war ja das rote Label. Kapitalismus wollte ich damals schon nicht, schon gar nicht pur; tatsächlich wollte ich mit meiner Wahl für meine Person eine Wiederholung etlicher zu dieser Zeit gut bekannter Werdegänge von DDR-Künstlern vermeiden, denen im Laufe der Zeit westliche Schmeicheleien und Demark-Konten wichtiger geworden waren als das DDR-Publikum und die Aufgabe, für dieses fleißig arbeitende Volk Kunst zu machen: Becker, Biermann, Brasch, Diestelmann, Fischer, Kirsch, Krug, Kunert, Schlesinger, Wegner und wie sie alle hießen.

So darf das ja bekanntlich nicht erzählt werden. Vielmehr waren alle DDR-Künstler, die dem angeblich wertlosen DDR-Geld den Rücken kehrten und der „harten“ Demark ihre Zukunft zuwandten, reine Idealisten und bewiesen ihren Idealismus mit dieser Absage an das DDR-Geld. Und diejenigen, die in der DDR blieben und so auf die seligmachende Wirkung der Demark verzichteten, waren sämtlich Karrieristen, die alles und jedes nur des Geldes wegen taten. Schöne Logik! Die aber nirgends öffentlich erzählt werden darf. Und alle Sänger galten als besonders böse, wenn sie Biermanns Vorbild nicht für vorbildlich hielten. Nämlich als DDR-Bürger ein von Hamburg aus geführtes Demark-Konto zu haben, aber nicht darüber zu sprechen, und für seine Einnahmen weder in der DDR, noch in der Brd Steuer gezahlt zu haben, um schließlich zu seinem Konto zu ziehen. Was aber auch nie so erzählt werden durfte. Innerhalb der westlich- „pluralistischen“ sogenannten Freiheit. Der Zufall wollte es halt, daß alle diese Idealisten, die es zur Demark zog, irgendwie bitter die Unfreiheit der „Alu-Chips“ spürten und in jedem Briefträger Staatswillkür und Zensur sahen. Und ihnen im Westen auch niemand großmedial widersprach. Wie ja auch heute alle totalpluralistisch-lügenmedial einer Meinung darüber sind. Im wesentlichen derselben wie damals. Der Dichter Kunert vollbrachte unter Betonung seiner jüdischen Herkunft sogar das Kunststück, in den Staat des SS-“Arbeitgeber“-Präsidenten, des SS-ZDF-Krimi-Kommissars Tappert, des SS-Literatur-Nobel-Preisträgers Grass und der vielen SS-Staatsanwälte und -Richter zu wechseln mit dem Anti-DDR-Vorwurf, diese sei antisemitisch.

Ich entschied mich also für „pläne“ und für die UZ als Bekanntmachungs-Medium. Womit willentlich die Weichen gestellt waren für null Commerz-Karriere. Und also hielten sich die klandestinen Angebote, die Seite und das Land zu wechseln, in Grenzen. Ich wurde 2…3 mal gestestet, von Westjournalisten, die ja u.a. die Aufgabe der Werbung von Überläufern und sonstiger Zusammenarbeit hatten. Meine Nichtsehnsucht nach der sogenannten Freiheit ist mir gut und bestens bekommen. Bis Ende 1989. Aber auch heute ziehe ich eine positive ideologisch-mentale Bilanz: Es war schön und beglückend, für ganz normale, arbeitende Menschen sich Lieder auszudenken, die auch diese Menschen und ihr und unser Leben zum Gegenstand hatten. Und sie nicht in Massen nach stampfenden Viervierteltakten hüpfen zu lassen, sondern in ihre Gesichter sehen zu können, wie es in den Köpfen denkt… Und damit der Traditionen der eigenen Vorfahren wie der besten Köpfe des deutschen Volkes zu folgen.

Liedtext »

Manu macht die riesenrunden Reifen
in der Reifenbude an der Spree.
Daß det wichtig is, kann jeder leicht begreifen,
wenn er mit sein‘ Trabbi will zur See
fahr‘n im Sommer und er braucht so‘n Jummi
und kricht‘n nich, dann steht er da wie Bummi.
Schon manchen sah man, sich um Reifen raufen,
det is oft nich einfach, die schwarzen Dinger sich zu kaufen.
Und daß man‘s überhaupt kann, is die Manu eben da:
Eener muß se machen, klar:
Na und, ick bin doch hier!
Na und, ick mach hier Reifen!
Nach und, ick bin doch hier!
Na und, ick mach hier Reifen!
Is ja‘n dollet Ding! Wa?

Hast‘e mal acht Stunden an so‘n Unjetüm jestand‘n?
Und det faucht und stinkt und macht Reifen nebenbei.
Du drückst Hebel, schiebst‘n Karren und packst janz schön an
und kommst Dir in der Kluft schon selber vor wie‘n kurzjeratn‘ner Mann.
Da stehste nu mit deinen zwanzig Jahren
und hast von der Schicht schon käseweiße Haut.
Manchmal möchste ja janz jerne Schlittenfahren
mit dem Schicksal. Aber bitt‘ schön: grob und laut!
Aber dann: wat sollste machen?
Und: jelernt haste nu eemal dit!
Doch am Zahltach haste dann schon wieder‘n leichtret Lachen
und bist für drei Tage mit dem Schicksal quitt.
Na und, ick bin doch hier!
Na und, ick mach hier Reifen!
Nach und, ick bin doch hier!
Na und, ick mach hier Reifen!
Is ja‘n dollet Ding! Wa?

Weeste, ick wohn‘ ja noch zuhause,
drei Schwestern hab ick und ‘n Bruder ooch.
Und ‘n Zimmer hab ick für mich janz alleene,
und wenn der Wecker klingelt, muß ick hoch.
Zu essen krieg ick noch von Muttern,
dafür zahl ick zweehundert Mark an ihr.
Aber manchmal jeh ick ooch nach Arbeet futtern:
mal wirds fürnehm und mal Currywurscht mit Bier.
Und abends jeh ick jerne schwoofen,
alle drei Wochen nur, wejen de Schicht.
Aber meistens kommt da nischt zu loofen;
ick gloob, ick bin zu blaß in mein‘ Jesicht.
Aber, ick bin doch hier!
Und ick mach hier Reifen!
Aber, ick bin doch hier!
Und manchmal kann ick ma schon selber nich begreifen!
Is ja‘n dollet Ding! Wa?

In der Brigade bin ick die einzje Frau.
Det is nich leicht, det kannste wiss‘n!
Wat die jern wolln, weeß ick schon schön jenau,
und wenn et Ärger jab, hab ick ma durchjebiss‘n.
Nur eenmal bin ick weich jeword‘n:
der hat ma ooch jedrängt, der Hund!
Der hat ma so jestreichelt anne Ohrn
und hat ma vill vasprochen mit‘n Mund (womit‘n sonst?).
Und dann hat er kurz mal abjeschhloss‘n.
Det war nich schön, so uff‘n Tisch und so.
Mit seine Kumpels hat er dann den ‚Sieg‘ bejossn;
ick hab jeheult, jekotzt hab ick uff Klo.
Aber, ick bin doch hier!
Und ick mach hier Reifen!
Aber, ick bin doch hier!
Und ick mach hier Reifen!
Is ja‘n dollet Ding! Wa?

Meistens krieg ick bei der Arbeit Träume:
dit Rumpeln wird Klaviermusik.
Der Jummistunk wird Blütenduft mit Bäume,
und die Blätter tanzen übern blauen See.
Der Meester is‘n falscher Könich,
die Pförtnerin die jute Fee.
Die Uhrenzeiger zeigen höhnisch,
daß ick det Dornjebüsch ooch seh,
det mich mit seinem Stachelwall
hier hält, bis mich der Prinz einst küßt.
Ick suche ihn schon überall
und mein‘, daß er nu ma bald kommen müßt.
Aber, ick bin doch hier!
Und ick mach hier Reifen!
Aber, ick bin doch hier!
Und manch eener kann ma nich begreif‘n!
Is ja‘n dollet Ding! Wa?

Und mit ‘ner Freundin schreib ick‘n Roman.
Wenn der mal fertig is, Mensch, dann kannste mal sehn,
wat so‘ne kleene Manumaus so allet kann.
Dann is die plötzlich jarnich mehr so kleen!
Und der Roman is nämlich Sience Fiction,
und Liebe is natürlich ooch mit drin!
Dann fällste um vor Staun‘, du kiekst ja jetz schon
wie von ‘ner Ochsenschau der Hauptgewinn.
Und in dem Buch, da is ooch wat mit Reifen,
da wer‘n die automatisch herjestellt.
Da träum ick von, det wirste doch begreif‘n.
Mensch, dit wär doch die Welt:
Die Stahljungs würden für mich schuft‘n.
Und Neesn krieg‘n die jar nich erst mit ran.
Ick könnt in aller Ruhe mir vaduften
und schrieb darüber gleich noch mal‘n Roman.
Aber, ick bin doch hier!
Aber, ick mach hier Reifen!
Aber, ick bin doch hier!
Na! Und ick mach hier Reifen!
Is ja‘n dollet Ding! Wa?

Manu macht die riesenrunden Reifen
in der Reifenbude an der Spree.
Daß det wichtig is, kann jeder leicht begreifen,
wenn er mit sein‘ Trabbi will zur See
fahr‘n im Sommer und er braucht so‘n Jummi
und kricht‘n nich, dann steht er da wie Bummi.
Und daß er welche kricht, klotzt Manu eben ran.
Und da staunt die Welt, wat Manu allet kann:
Mensch, die is doch hier!
Und die macht hier Reifen!
Mensch, die is doch hier!
Und die kann sich schon janz jut begreifen!
Mensch, die is doch hier!
Na, und die macht hier Reifen!
Mensch, die is doch hier!
Und manch einer kann sich schon begreifen!
Is ja‘n dollet Dich! Wa?

Großer kleiner Trost (1983)

Ich wollte schöne Lieder singen. Unterhaltende, aber auch politische Lieder, aber nicht nur. Kräftige, aber auch leise, artistische und schlichte. Ich wollte das Menschsein mit meiner Person, meinem Kopf, meinen Liedern möglichst ganzheitlich auf die Bühnen des Landes stellen. Und da ich meine eigenen Lieder sang, mußte ich lernen, diese Lieder herzustellen. Wenn man 90-Minuten-Konzerte spielt und man hat nur eine und also immer die selbe bartitone Stimme und nur ein Instrument, wird es dem Publikum womöglich schnell langweilig, wenn die Stimme nicht sonderlich modulierbar ist und nur in einem Register eingesetzt wird und ohne Dynamik, wenn man im Musikalischen immer nur die selben schmalbandigen Muster variiert. Wenn man immer nur ein, zwei Reimschemata und Versformen verwendet. Und sich mit den „Melodien“ im Vier- bis Fünfton-Stufenmelodie-Raum der Liedermacher bewegt, inspiriert durch die enorme Fähigkeit, auf der Gitarre nacheinander C-Dur, A-Moll, F- und G-Dur greifen und diese „Melodien“ da raufsummen zu können. Das musikalische Material wollte entwickelt werden, daß auch ein kleines Lied Interessantes hören läßt. Für den Uneingeweihten wie für den „Kenner und Genießer“. Und die Entwicklung der Sprache und der Poetik braucht es, daß die Welt im Privaten aufscheine und das Private weltdimensional werde. Und wenn es nur ein eingeschobener Takt in einem anderen Metrum ist, was – selten genug in dem Genre – alles andere als musikalisch trivial ist. In diesem Fall ein 3/8-Achtel-Takt in einem in 6/8 gesetzten Lied.

Liedtext »

Ich habe Angst vorm Tod,
und du fürchtest das Faltenkriegen.
Wie blaß wird unsre Not,
wenn wir dicht beieinander liegen.

Wie weit weg weht der Wind der Welt,
wenn ich von deinem Atem trinke.
Ich weiß nicht mehr, was mir gefällt,
wenn ich in diesem Rausch versinke.

Ich suche deine Näh‘
und find: es wird die Welt mir weiter.
Ich seh, was ich nicht säh‘
und weiß nicht wie und werd‘ gescheiter.

Und fliegend mit unsern Ideen
stehn wir ganz fest auf dieser Erden.
Wir werden mit der Zeit vergehn
und werden mit ihr klüger werden…

Abschied eines Guirellero (1983)

Anders als einige meiner Kollegen war ich ja nicht nach Nikaragua delegiert. Gerhard Schöne war z.B. dort und Wenzel auch, wenn ich es recht erinnere; Schöne war gedanklich und emotional besonders engagiert, nicht zuletzt da Nikaragua ja in dieser Zeit, in den 1980ern, das prominenteste Beispiel für christlich-revolutionäre Ethik war. Ernesto Cardenal war damals eines der prominentesten Sinnbilder für die „Theologie der Befreiung“. Eine katholische Basis-Bewegung in Südamerika, vom polnischen Papst gehaßt und totgemacht, was auch weitestgehend aus der Geschichte gestrichen ist mit den vielen anderen römischen Schweinereien und Verbrechen. Den älteren DDR-Bürgern und Liederhörern ist Gerhards Engagement nicht zuletzt deshalb unvergeßlich, weil er nach seiner Heimkehr in die DDR u.a. das Lied „Mit dem Gesicht zum Volke“ mitgebracht hatte. Wie aktuell dieses Lied doch heute ist! Und also auch durch Nichtsenden vergessen gemacht. In der bösesten aller DDR-Diktaturen lief es im Radio und durfte er es von der großen Bühne des Palastes der Republik herab ins Volk singen. Dafür, daß er die DDR nicht verlassen hat und seine Christenpflicht erfüllen wollte, haben sie ihn nach 1989 auch einigermaßen abgestraft, wie andere aufrechte Christen auch. Ein großartiger Mensch und Christ und Kollege! Und Erfinder schöner Lieder sowieso. Die ebenfalls nicht „wiedervereinigt“ wurden. Nicht wirklich.

Aber nicht nur die damals Delegierten nahmen großen Anteil an dem Kampf des Nikaraguanischen Volkes für die Befreiung aus dem „Hinterhof“-Würgegriff der Amis und gegen ihren illegalen-CIA-“Contras“-Krieg. Auch die daheimgebliebenen DDR-Bürger taten dies zu großen Teilen. Und so ist und deshalb dieses Lied entstanden. Ich war dann etwas später auserkoren, solidarisch ins ebenfalls offen-verdeckt ami-bekriegte Angola zu fahren und durfte lernen: da paßte es auch. War ja auch das gleiche Mördergesindel, das auf der selben US Payroll stand. Und auch ich hatte keine Lust, ins Demark-“Paradies“ zu wechseln. Was ich von Luanda aus leicht hätte machen können. Jede westliche Botschaft hätte mir geholfen, ins Demark-Paradies überzusiedeln…

Liedtext »

Der Mond steigt aus den Meeren,
er leuchtet mir den Weg.
Ich werd’kaum wiederkehren.
Wer weiß, wo ich mich leg.

Es fühlen meine Füße
das feuchte, weiche Gras.
Ich spür’des Lebens Süße.
Wer weiß, wo ich es laß.

Ach, meine schwarze Rose,
es winkt mir warm das Boot,
das ich es nochmal kose.
Doch ich schwimm in den Tod.

Es lösen sich die Schatten
vom Licht und werden stark.
Es kriegen tote Schatten
nicht einmal einen Sarg.

Es brennen mir die Narben.
Das Blut fließt ruhig, kalt.
Ich pisse Feuergarben,
und bitter lacht der Wald.

Wie ich das Leben liebe;
ich geb’s nicht billig her!
Wie gerne ich doch bliebe
und bleibe nimmermehr.

Ich sehe meine Feinde,
sie schießen scharf und schnell.
Ich gehe nicht alleine,
von fern schon wird es hell.

Adios! Buenos noches!
Es kommt einmal ein Tag

Wenn (1984)

Die neuen Ami-Raketen waren nach quälenden Jahren der erpresserischen, krankmachenden Ankündigung stationiert, in Hauptverantwortung von Schmidt-Sozen-Schnauze 1983. Einer mußte den Raketenerpressungsbluthund machen! Der Widerstand gegen Lüge und Betrug der Amis, Sozen, der CDUhus und all der anderen volksverräterischen, amiknechtelnden Korrupten hatte wenig genutzt. Die endsiegorientierte Erpressung in Adolf-Tradition wurde unter Reagan und Kohl nahtlos fortgesetzt und ging später auf. Aber das Leben ging weiter. 1983 wie auch 1990. Unser diesseitiges Denken der Interessen der arbeitenden Menschen ist ja weder eine Selbstmörderideologie, noch eine des Verzichts auf das Schöne im Leben. Das Bestehen unter solchem Druck bedarf des Diskurses, des Abwägens, der Strategiebildung, der Durchdringung, kurz: der Dialektik. Was jede und jeder privat für sich, in der Familie, im Freundeskreis auch tat und tut, ist dem Dichtersänger auch öffentliche Aufgabe. Solange er Zugang zur Öffentlichkeit hat. Aber was im Privaten taugt, ist doch zumeist nicht die Lösung für die Welt.

Liedtext »

Wenn ich mich zu dir bette
in dieser kalten Zeit,
hoff ich, daß es mich rette
vor andrer Ruhestätte.
Ich halt mich nicht bereit.
Ich find mich nicht bereit.

Wenn ich mich zu dir legen,
legst du mich nicht herin.
Ich biet’dir alle Pflege,
wenn ich mich zu dir lege,
und wärm dir dein Gebein.
Es soll gewärmet sein.

Wenn ich mich an dich drücke,
so bin ich nicht bedrückt.
Es bleibt gar keine Lücke
zu dir, und keine Tücke
teilt, was uns beide schmückt.
Das Einssein scheint geglückt.

Wenn ich mich in dir fühle
und werd ganz groß und klein
in unsres Schweißes Schwüle,
wenn ich dich um mich fühle,
will ich lebendig sein.
Kann ich lebendig sein!

Wenn wir uns ganz entwaffnen
werden wir stark und frei.
Wir haben’s erst geschafft, wenn
alle unsre Kraft denn
wird zum Freudenschrei.
Und bleibt ein Schmerzensschrei.

Philosophisches Märchen (1985)

Die mit mir etwa gleich alten und etwa zu der selben Zeit das öffentliche Liedersingen, meist mit Gitarre vorm Bauch, für sich entdeckten und dann einen Beruf daraus machen wollten, erfanden genau das passende Genre für die DDR. Nun hatte es das auch vorher schon gegeben, daß Solisten mit eigenen oder fremdgeschriebenen Liedern vor kleinerem Publikum auftraten. Z.B. mit dem Brettl um 1910 oder in den Kleinkunstbühnen der 1920er Jahre.

In der DDR wurde ab Ende der 1960er eine immer komplexere, flächendeckende Struktur von Jugendklubs entwickelt. Das „Haus der jungen Talente“ in Berlin war das wohl größte kommunale Haus dieser Ausrichtung. Betriebe, LPGen, der Kulturbund machten sich ebenfalls zur Aufgabe, was als Aufgabe gestellt war: Orte, Räume, Aufgaben, Möglichkeiten für die Heranwachsenden. 1989 gab es meines Wissens ca. 1.600 Jugendklubs, allein innerhalb der FDJ-Strukturen. In dem Land, in dem die Kinder als ein gesellschaftlicher Reichtum angesehen und angesprochen worden waren. Die DDR-HaSS-Pfaffen haben auch diese Aussage bekämpft wie Goebbels die „Weisen von Zion“.

In den Klubs sollte es Discos genauso geben wie Diskussionsveranstaltungen und auch Kunst und Literatur und Rock-Konzerte. Nicht überall konnte es alles geben, und viele dieser Jugendklubs waren sehr klein. In den Neubaugebieten wurden sie von Anfang an mitgeplant, und wenn die ersten Familien einzogen, hatte der Jugendklub längst einen hauptamtlichen und fest angestellten und entsprechend qualifizierten Leiter, einen Stellvertreter und ein Budget für Künstler-Honorare und Fahrtkosten extra. Davon kann der Normalkünstler heute nicht einmal mehr träumen.

Da waren die Liedermacher die sich ständig selbsterfindenden Glücksfälle, die selbst für den kleinsten Jugendklub noch raumfüllend Freude, Abwechslung, Nachricht, Ärgernis, Staunenswertes, Unterhaltung, Diskussion und Höhepunkt und auch nachwirkenden Diskussionstoff in den letzten Winkel des kleinen Landes brachten. Der größten DDR der Welt! Und zuweilen auch in die vorderen Winkel. Welche demokratische Potenz und auch Praxis in dieser Qualität der gesellschaftlichen Kommunikation lag und von den jungen und älteren Bürgern genutzt wurde, darf rückblicken nicht gesehen werden. Schon gar nicht vergleichend mit einem Starkult, innerhalb dessen nur einige wenige und hochkorrumpierte Konzern-Nutten in den TV-Labershows ihre personenkultigen Eitelkeiten pflegen dürfen, und zwar dafür, daß sie ihr Massenpublikum in ihren Massen-Shows abrichten, wie früher auf Exerzierplätzen, auf Kommando zu Brüllen, synchron die Arme zu heben, zu hüpfen, Wellen darzustellen, Feuerzeuge anzumachen und hinterher, gleich anschließend Merchandising-Artikel zu kaufen. Die totale Gleichschaltung in weltanschaulicher wie commerzidiotischer Verblödung. Die perfekte Symiose: Das Fernsehen hat immer genügend willige Ja- und Nichts-Sager, mit denen es die Laber-Sendungen-Studio-Sessel füllen kann, und die Funktionieren im Sinne des Systems, wenn sie nur ihre neuesten Produkte anpreisen können. Den Tonträger oder auch die Tour. Wissend: Wenn sie auch nur einmal die unterwünschte Wahrheit sagen, sind sie ein-für-alle-Mal weg vom Fenster und dann das viele Vorfinanzierungsgeld, dann ist die Investition im Eimer. Wie frei wir doch waren in der DDR von dergleichen Zwängen! Jedenfalls die allermeisten.

Die Auftrittsbedingungen in den Jugendklubs waren entsprechend: Sehr unterschiedlich. Ich dachte mir alsbald, aus der Not eine Tugend machen zu wollen, also daß ich, um in den Mehrzweckräumen überhaupt künstlerische Qualität abliefern zu können, meine Auftrittsbedingungen einigermaßen mitbringen müsse. Und daß ich für ein Publikum, das anfangs noch recht ungeübt war in der Rezeption von Liedprogrammen von 1…2 Stunden, auch sinnliche Reize der Spannung und Entspannung schaffen sollte. „Unplugged“ nannte man das damals bei uns nicht: es war das Normale, für das man kein commerzielles Label brauchte. Die meisten dieser Jugendklub-Sänger außerhalb des Pop und Rock zogen nylonbesaitet durchs Land; es ging vergleichsweise leise zu. In den kleineren Klubs, also bis zu 50 … 200 Hörern ließ ich die Gesangsanlage gern weg; die Liedermacherfreunde konnten damals als Publikümmer sehr leise und aufmerksam sein. Und konzentriert sowieso. Und das im Laufe der Jahre immer mehr und immer besser.

Nun ist mein Äußeres auch in jungen Jahren keine Attraktion gewesen, und Männerstrip war ja sowieso nicht angesagt. Ich ließ mir also eine kleine Bühne bauen, die in das Hinterteil eines Trabant-Kombi oder eines Wartburg paßte, mit fußgesteuerter Beleuchtung und einigen wenigen Requisiten, und erfand Sprechtexte. Mit denen ich mir auch über Gegrummel und Gemurmel und Nebenraumgeräusche, die es immer mal geben konnte in einem solches Jugendklub, besser Gehör verschaffen und Aufmerksamkeit wiederherstellen konnte. Einer dieser Texte kam als Märchen daher und wurde sehr wohl verstanden. Von jungen Arbeitern wie von Studenten. Und selbstverständlich auch von Funktionären – aller Jahrgänge. Die waren ja nur sehr selten annähernd so doof, wie sie seit 1990 gleichgeschaltet erzählt werden. Die döfsten Typen in meinem Leben habe ich aber erst seit 1990 kennengelernt.

Für diese Art von Texten und für ihr Verstehen war – schon lange vor dem Anschluß der DDR – das negativ gemeinte „Zwischen-den-Zeilen-Lesen“ im Umlauf. Von vielen älteren DDR-Bürgern als DDR-selbstgebildet empfunden. Schon in den letzten DDR-Jahren wurde es von Kabarettisten auf den Bühnen des Landes thematisiert. Tatsächlich aber war es vor allem von ARD & ZDF & Rias & Lügel und Konsorten andauernd wiederholt und wichtig geredet. Dementsprechend durften diese Kabarettisten es zur Belohnung ab 1990 auch in den Ghettomedien unendlichwiederholen.

Niemals ist meines Wissens jemand auf die Idee gekommen, eine lessingsche Fabel oder eine von Lafontaine oder einen Dialog von Diderot oder die Goethe-Übertragung einer diderotschen Sequenz sexuellen Inhalts, wie in „Rameaus Neffe“, aus dem freizügigen Französischen ins klemmige Deutsche ebenso zu erklären: also als zwischen den Zeilen zu lesenden Texte. Die Metapher, Allegorie, Fabel ist eine alte literarische Standard-Erzählweise, etwas zu sagen, ohne es auszusprechen. Und nicht nur der gesellschaftlichen Konventionen wegen, die etwas auszusprechen verboten; zu Goethes Zeiten war eine amtliche Zensur noch gar nicht entwickelt. Diese Formen sind wesentliche Bestandteile der Literatur überhaupt, die immer auch das Unaussprechliche auszusprechen hatte und hat. Auch das war keine Besonderheit der DDR, sondern wurde nur feindpropagandistisch zu einer solchen geredet. Diese Propaganda-Technik hatte Viktor Klemperer schon zu Beginn der staatliche gewordenen Nazi-Sprache als deren Besonderheit erkannt. Wie man in der LTI nachlesen kann. Aber woher sollten die Anti-DDR-Propaganda-Heinis das wissen? Die bei Goebbels in die Schule gegangen sind. Auch der eine oder die andere nie gemerkt hat, wer ihr eigentlicher Oberlehrer war.

„Und der König sagte seinem Philosophen: „Philosoph, ich habe heute schlecht geschlafen und bin entsprechend gelaunt. Mach mir eine Philosophie, die meiner Befindlichkeit entspricht!“

Der Philosoph setzte sich sofort an seine Arbeit und schon vor dem Frühstück war das System im Rohbau fertig, seine Durchbildung konnte gegen Mittag als beendet angesehen werden, zum Kaffee wurden bereits die Materialien zur Propagierung der volkstümlichen Varianten in zehn Hauptgeschmacksrichtungen gereicht. Die neue Philosophie war so durchdrungen von dem schlechten Atem eines unausgeschlafenen und entsprechend gelaunten Herrschers, dass die Industrie am Abend schon verschiedene Mundsprays auf den Markt geworfen hatte, die den königlichen Nachgeschmack mehr oder weniger trefflich imitierten. Die Serie hieß „Hoch leben die Launen unseres Herrn und Königs!“ und fand reißenden Absatz.

Vor dem Schlafen gehen reichte man seiner Majestät die Luxusausführung, die sogleich probiert wurde, und er war wieder einmal angenehm überrascht, und es verblüffte ihn schon ein wenig, mit welcher Genauigkeit sein hochherrschaftlicher Organismus mit offenbar sensibelsten Rezeptoren die Gefühle seiner Untertanen erspürt und diese hochgenau in eigenes Befinden und Schwankungen des Wohlseins umsetzt, dass er mit derart geringer Abweichung den Geschmack seines Volkes trifft, den er nun zum Vergleich und als Bestätigung genoss.

Zufrieden schlief er mit einem huldvollen Lächeln auf seinen majestätischen Lippen ein. Der letzte Gedanke, der ihn in den Schlaf begleitete auf eine der zehn kanonisierten Weisen war, dass er ganz offensichtlich genau der richtige Herrscher sei für dieses Volk. Was zu beweisen war!

Was kann eine Philosophie mehr wollen?!“

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