F.-B. Habel

Ein Amerikaner aus der Karl-Marx-Allee

Der Internationalist Victor Grossman wird heute 90 Jahre alt.

F.-B. Habel

„Eine Welt ohne Hunger, Krieg und Not – das war das Crédo meines Lebens“, sagte Victor Grossman schon vor 20 Jahren in einem Film, der mit ihm gedreht wurde. Seitdem hat er einfach weitergemacht, hat Bücher und Zeitungsartikel geschrieben, so manchen Leserbrief, auch an die junge Welt. Er hält Ansprachen mit seinem liebenswerten New Yorker Akzent und ist noch immer an der Spitze von Demos, wie dem Ostermarsch zu finden. Denn die Gründe dafür, dass Hunger, Krieg und Not herrschen, halten sich viel zu hartnäckig. Die Gegenkräfte müssen gebündelt werden, und man darf dabei nicht verhalten agieren. Das ist und bleibt die Überzeugung des jüdischen Kommunisten Stephen Wechsler, so sein wirklicher Name. Die Gründe, weshalb er eine neue Identität annahm, gibt es nicht mehr, aber als Victor Grossman ist er bekannt, ja man darf sagen, populär. Seit den sechziger Jahren war er oft auf DDR-Bildschirmen, um über die reaktionäre Politik der USA zu informieren. In einer Rundfunkreihe spielte er amerikanische Folk- und Protestsongs, war zusammen mit dem Kanadier Perry Friedman Mitinitiator der Singebewegung der DDR. Schon damals schrieb er regelmäßig in der Tageszeitung Junge Welt.

Victor Grossman im Oktober 2016 auf Studienreise in Spanien, Foto: Rosita Mergen

Der Sohn eines nicht eben üppig verdienenden Kunsthändlers und einer Bibliothekarin hat familiäre Wurzeln im Baltikum und in Odessa, von wo seine Vorfahren aus Angst vor antijüdischen Pogromen nach Amerika flohen. die Not der kleinen Leute kannte er genau, wurde mit 14 Jahren Jungkommunist und trat mit 17 in die KP der USA ein. Er konnte an der Harvard University Geschichte studieren, bevor er in die US Army eingezogen wurde. Er wurde im oberbayrischen Bad Tölz stationiert, aber in der McCarthy-Ära war das kein Zuckerschlecken für einen Linken. Als herauskam, dass er auf einem Fragebogen fälschlicherweise angegeben hatte, er sei nie Mitglied einer kommunistischen Organisation gewesen, drohten ihm 5 Jahre Haft. Dem entzog sich Stephen, indem er in einer waghalsigen Aktion die Donau durchschwamm, und vom sowjetisch besetzten Österreich aus wurde er über die Tschechoslowakei in die DDR verwiesen. Zum Schutz seiner in den USA verbliebenen Familie bekam Stephen hier eine neue Identität als Victor Grossman.

Victor Grossman im Gespräch mit dem Autor dieses Artikels anläßlich des Dean-Reed-Treffens 2010, Foto: Michael Fritze

In Bautzen, war er Transportarbeiter und Dreher, lernte seine Frau Renate kennen. Schließlich konnte Victor Grossman in Leipzig Journalistik studieren und ist wohl der weltweit Einzige, der sowohl Diplome in Harvard wie an der Karl-Marx-Universität Leipzig errungen hat. Er zog in die Berliner Karl-Marx-Allee, arbeitete als Verlagslektor, Redakteur bei Radio Berlin International und baute für die Akademie der Künste das Paul Robeson Archiv auf. Vor 50 Jahren begann seine Arbeit als Freischaffender, als Autor, Übersetzer, Gelegenheitsschauspieler. Er ist im Laufe seines Lebens bekannten Amerikanern begegnet – viele waren links eingestellt, wie Pete Seeger, Joan Baez, Angela Davis, Dean Reed und Jane Fonda, von denen er lebendig zu erzählen weiß. Anderen sollte er immer wieder erklären, wie er sich in einem Staat, der nicht repressionsfrei war, wohlfühlen konnte. Seine Antwort war so schlüssig wie überzeugend: „Trotz aller Schwächen und Ungerechtigkeiten blieb mir jener Teil Deutschlands näher, der die ANC und SWAPO, die Sandinistas, Allende und Fidel du die Vietnamesen unterstützte, als der Teil, der ihren blutigen Feinden half. Ich war so ketzerisch zu glauben, dass die Zahl mit dem Segen Bonns getöteter Chilenen, Mittelamerikaner und Afrikaner die jener übertraf, die, ebenfalls tragisch, an der Mauer getötet wurden. Gerade als Amerikaner schätzte ich den Mangel an Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit, die freie Bildung und ärztliche Behandlung.“
Victor Grossman, der in den neunziger Jahren formell aus der US-Army als Deserteur „in Unehren entlassen“ wurde und seine Heimat oft besucht, schreibt für seine Freunde in den USA und aller Welt Berichte über die deutsche Politik in englischer Sprache, bei uns nachzulesen auf der linken Netz-Plattform American Rebel (benannt nach Victors Freund Dean Reed). Er tritt noch immer in politischen Diskussionen auf und erweist sich als echter Internationalist. Zum heutigen 90. Geburtstag rufen wir ihm zu: Venceremos, Victor!

(Der Artikel erschien in leicht gekürzter Fassung am 10.3.2018 in der Tageszeitung Junge Welt)

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