Deutscher Freidenker Verband

Freidenkerkonferenz zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution

Berliner Freidenker zu 100 Jahre Oktoberrevolution: Russland verdirbt den Neoliberalen die Party
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Die Oktoberrevolution von 1917 wird im Jahr 2017 unterschiedlich bewertet. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung findet man folgende Beschreibung: „Die siegreichen Bolschewiki waren Gewalttäter, die der Krieg hervorgebracht hatte. Ihre Revolution war der Sieg einer vormodernen Gewaltdiktatur über die Freiheitsversprechen des russischen Liberalismus.“
Eine ganz andere Sicht wird jedoch von dem Deutschen Freidenker-Verband vertreten. Bei ihrer Veranstaltung „100 Jahre Oktoberrevolution. 100 Jahre Dekret über den Frieden“, die am 30. September im Rathaus Pankow stattfand, hielten viele Experten wie Rainer Rupp und Prof. Dr. Anton Latzo Vorträge.

RT Deutsch-Reporterin Maria Janssen sprach vor Ort mit den Freidenkern über die Auswirkungen der Oktoberrevolution auf die heutige Politik und Gesellschaft.

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Eindrücke von Klaus-Peter Kurch

Vier Vorträge der gestrigen Konferenz konnte ich verfolgen. Drei davon, die von Bruno Mahlow, Prof. Dr. Helga Hörz und Andreas Wehr, brachten mir interessante und zum Weiterdenken anregende Informationen und  Einschätzungen.

Den Vortrag von Michael Kubi mit dem Thema: „Stalin, Repressionen, Sowjetdemokratie: UdSSR – eine Kriminalgeschichte?“ kann ich, sehr freundlich ausgedrückt, nur als „Schlag ins Wasser“ bezeichnen. Der bekennende Stalinbewunderer – darob aus dem Auditorium mit kräftigem Beifall bedacht – zeigte sich nicht nur handwerklich-methodisch vom Thema überfordert, sondern überbrachte auch inhaltlich eine schlichte Kernbotschaft: Die Angriffe gegen Stalin beruhen im wesentlichen auf Propagandalügen des Klassenfeinds und seiner Helfershelfer.

Die vorgetragene Unternullqualität bot keinerlei Basis für eine problemorientierte Sachdiskussion, der knappe Zeitplan tat ein Übriges.

Ich erlaubte mir, auf drei wenig bekannte Tatbestände hinzuweisen, punktuelle Informationen, die keine systematische Diskussion ersetzen, für Nachdenkliche aber beachtenswert sein mögen:

  1. Etwa die Hälfte der Opfer des Stalinschen Großen Terrors waren Kommunisten, Mitglieder oder Kandidaten der KPdSU (einschließlich kurz zuvor Ausgeschlossene). Kubi bestritt diese Tatsache rundheraus und begründungslos. Hier die Quelle meiner Angabe: Wadim S. Rogowin: „Die Partei der Hingerichteten“, Essen 1999, Anhang II: „Statistische Angaben über die Opfer der Massenrepressalien“, 8. Abschnitt: „Die Anzahl der repressierten Parteimitglieder“, Seite 486-488. (Weitere Informationen zu Rogowin z. B. hier.)
  2. Die Anzahl der aus politischen Gründen Verurteilten im allgemeinen und der Erschießungen im besonderen weist eine eindrucksvolle Dynamik über die Jahre 1921 bis 1954 auf. Nur die drei markantesten Jahre herausgegriffen, ergibt sich, dass die Zahl der Erschießungen 1936 1118 betrug, 1937 353.074 und 1938 328.618. Das ist eine Steigerung auf das mehr als 300fache pro Jahr gegenüber 1936 (Quelle: Rogowin, a.a.O., S. 480-486). Herr Kubi machte daraus eine Steigerung auf 300% – vielleicht ein Versehen, vielleicht eines seiner chronischen Versehen? In der Tat handelt es sich um eine Steigerung auf 30.000 (dreißigtausend!) Prozent.
  3. Im Februar 1954 – zwei Jahre bevor Chrustschow das Idol Stalin böswillig lügnerisch beschmutzte und verleumdete, wie alle Bewunderer des USA-Historikers Grover Furr wissen – berichteten Generalstaatsanwalt Rudenko, Inneminister Kruglow und Justizminister Gorschenin an das Politbüro, dass knapp 80% aller in den Jahren 1921 bis 1954 wegen konterrevolutionärer Verbrechen Verurteilten (nach damaliger Zählung 2,9 Mio von 3,8 Mio Personen) durch außergerichtliche Organe (Sonderkonsilien, „Troikas“ usw), also außerhalb der Gesetzlichkeit des sozialistischen Staates, verurteilt worden waren (Quelle: „Istorija SSSR“, 5/1991, S. 152f, zitiert bei: Rogowin, a.a.O., S. 481).

Uns Freidenkern ist meines Wissens noch keine produktive öffentliche Diskussion zum grob als „Stalinismus“ bezeichneten Problemkomplex gelungen (also eine Diskussion jenseits des moralischen Antagonismus „Verdammung/Glorifizierung“). Doch es geht um nicht weniger als die Frage, wie der Realsozialismus (des sowjetischen Machtbereichs) den Leninschen Weg verlassen hat und schließlich in den Untergang taumelte. Der Elefant steht in der Küche. Die Verwandlung der Freidenker in Wunschdenker (oder andere Kunststückchen) werden das dicke Ding nicht ins Mauseloch beamen.

Ein Weg (aber nur EINER), um mit dem Problem historisch-materialistisch umzugehen, ist die neuartige gründliche Beschäftigung mit Lenin und seinem Lebenswerk. Nach 76 Jahrgängen Freidenkerheften (also irgendwo bei dreihundert Ausgaben) mag auch der Bescheidenste ein Lenin-Heft für denkbar halten (nicht erst zu seinem hundertsten Todestag).

Ich möchte nicht ausschließen, dass auch der junge Biologe Michael Kubi daraus Nutzen ziehen kann.
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