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Alexej Utschitel (Regie), Mathilde
– Ingrid Poss, Meine Russen
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Dieser Zufall ist keiner. Mit „Mathilde“ kommt zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution ein Film in russische und nun auch deutsche Kinos, der dem letzten Zaren Nikolaus II. „Gerechtigkeit“ widerfahren lassen soll. Regisseur Alexej Utschitel zeigt den jungen Nicky (wie er bei Familie und Freunden genannt wurde) als liebenswürdigen, leutseligen jungen Mann (mit dem 40-jährigen Lars Eidinger spielstark, aber nicht altersgemäß besetzt), der sich in die leichtlebige Ballerina Mathilde (Michalina Olszanska) verliebt. Natürlich ist die Familie dagegen und zwingt ihn, die ungeliebte deutsche Prinzessin Alix (Luise Wolfram) zu heiraten. Damit ist die Geschichte aus. Nur schriftlich wird dem Zuschauer mitgeteilt, dass die Ehe doch noch glücklich wurde, fünf Kinder hervorbrachte, die mit den Eltern 1918 ermordet wurden. Die Worte Revolution oder Bolschewiki fallen nicht.

Utschitel ist ein Film gelungen, der sich vor keiner Fernsehschnulze verstecken muss, im Gegenteil, die prachtvolle Ausstattung hat Schauwert, edle Roben werden nur ganz selten ausgezogen (was besonders bei Eidinger verwundert). Der Zar hat zwar andere Sorgen, denkt aber auch ans Volk, und als bei seinen Krönungsfeierlichkeiten 1389 Menschen ums Leben kommen, bezahlt er für alle Särge, damit sie nicht einfach so ins Massengrab kommen. Abends geht er zum Ball. Normal. Dass dieser bunten Eloge auf den Autokraten Nikolaus II. in Russland aus reaktionären Kreisen Hass entgegen schlägt, ist nur mit der erschreckenden geistigen Verfassung des Landes zu erklären.

Mathilde, Regie Alexej Utschitel, Verleih Kinostar, seit 2. November in zahlreichen Kinos.

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Wie hat sich das Leben russischer Filmemacher nach dem Ende der Sowjetunion verändert? Diese Frage interessierte die Publizistin, DEFA-Regisseurin und Kuratorin Ingrid Poss. In den 90er Jahren wollte sie einen Film darüber machen, der aus Finanzierungsgründen nicht zustande kam. Sie hatte viele Freunde in der Sowjetunion, und ihre Erfahrungen von Begegnungen seit den späten 80ern hat sie nun in dem Buch „Meine Russen“ veröffentlicht – als Oberbegriff auch für kirgisische oder baltische Künstler. „Eine Collage, die mit ihrem nicht selten lakonisch-bissigen Humor die Augen öffnet. Lesenswert in Zeiten einer zerrissenen Welt, in der Kenntnisse über unterschiedliche Kulturen, Lebensweisen und Empathien von außerordentlicher Wichtigkeit sind“, urteilt Matthias Platzeck im Vorwort. Den Dokumentarfilmer Jefim Utschitel, Vater des „Mathilde“-Regisseurs, hat Poss nicht mehr treffen können, weil er 1988 starb. Dafür gibt es Gespräche mit dem Aitmatow-Regisseur Bolot Schamschijew, mit Tolomusch Okejew. Andere, wie Viktor Jerofejew haben eigene Texte beigesteuert, und die Autorin lässt auch die deutschen Fernsehkorrespondenten Gert Ruge, Gabriele Krone-Schmalz und Peter Scholl-Latour zu Wort kommen. Sie können jedoch nicht so schön formulieren wie der Russe Jerofejew: „Um Russland zu verstehen, muss man vernünftiges Denken unterlassen und sich im Strom des russischen Lebens auflösen wie ein Stück Würfelzucker.“

Ingrid Poss, Meine Russen – Lebensläufe aus dem Umbruch. Neues Leben, Berlin 2017, 304 Seiten, 19,99 Euro.

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Aus Das Blättchen, Nr. 23, vom 06. November 2017, mit freundlicher Genehmigung des Autors
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