TROMMEL 7/1980 (Februar)

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Deans große Sprünge

TROMMEL: Wo bist du aufgewachsen?

Dean: Geboren wurde ich in Denver. Das ist die Hauptstadt des USA-Bundesstaates Colorado. Aber von dort ist unsere Familie bald wieder weggezogen - kreuz und quer durch die USA. Viele Amerikaner machen das so. Auch mein Vater war so ein unruhiger Geist. Dadurch habe ich viel von meiner Heimat gesehen.

Der schönste Bundesstaat in Amerika ist für mich Colorado. Es gibt dort viele hohe Berge, 21 davon über 4.000 Meter, viele Flüsse, so sauber und klar, dass man von ihrem Wasser noch immer trinken kann, viele Wälder, viele Tiere, wenig Industrie, viele Ranches, Cowboys, Rodeos und wilde Pferde.

TROMMEL: Wenn du zurückdenkst an diese Zeit, was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Dean: Meine erste Liebe, die Nachbarstochter. Sie war zwölf, ich auch. Abends habe ich oft unter ihrem Fenster gestanden und Gitarre gespielt. Für dieses Mädchen habe ich mit 16 Jahren mein erstes Lied geschrieben. Ihretwegen hatte ich auch Gitarrespielen gelernt. Richtige Freunde hatte ich in meiner Kindheit nicht. Bevor ich überhaupt jemanden finden konnte, zog unsere Familie schon wieder weg. Freunde waren für mich meine Tiere. Mein allerbester Freund war ein kleines Schwein. Mein Vater hatte es mir geschenkt. Als ich eines Tages nach Hause kam, war es verschwunden. Mein Vater hatte es geschlachtet. Es kam als Braten auf den Tisch. Lange Zeit danach noch war ich meinem Vater deswegen sehr böse.

Ich hatte viele Hunde und Pferde. Mit ihnen war ich oft in den Bergen. Damals habe ich davon geträumt, einmal Cowboy zu werden.

TROMMEL: Nach dem Abschluss der zwölften Klasse hast du dann aber begonnen, in Colorado Meteorologie zu studieren.

Dean: Mein Vater wollte es so. Er ist Mathematiklehrer. Und ich sollte auch in die naturwissenschaftliche Richtung wie er und mein älterer Bruder Dale, der Flugzeugingenieur bei Boeing ist. Mein anderer Bruder Vernon ist Pilot in Alaska.

TROMMEL: Dann ist aber alles ganz anders gekommen. Du bist ein gefeierter Rock'n'Roll-Sänger geworden, warst neben Elvis Presley einer der bekanntesten Rocksänger der 50er Jahre.

Dean: Das war eigentlich mehr ein Zufall und klingt wie die kitschige Geschichte eines Hollywood-Films. Weil mein Vater das Geld für das teure Studium nicht auch noch für mich aufbringen konnte, habe ich abends nach den Vorlesungen in verschiedenen Restaurants gesungen und dazu Gitarre gespielt. Dann ging ich von Tisch zu Tisch, und jeder gab, was er an Kleingeld übrig hatte. In den Sommerferien fuhr ich dann nach Hollywood. Auf dem Weg dorthin lernte ich einen bärtigen Mann kennen, der dort einen guten Bekannten in einem Musikverlag hatte. Mehr aus Spaß sang ich vor. Und nach einer Woche hatte ich einen Siebenjahresvertrag mit der größten amerikanischen Schallplattenfirma "Capitol".

TROMMEL: Du hast in jenen Jahren sehr viel Geld verdient, lagst in allen amerikanischen Hitparaden vorn. Warum war das dann alles nicht mehr wichtig für dich? Wie bist du zu einem Sänger geworden, der sich mit seinen Liedern und seiner ganzen Persönlichkeit für Frieden und Fortschritt einsetzt, gegen Not und Unterdrückung kämpft und deshalb schon fünfmal ins Gefängnis gesperrt wurde?

Dean: Sehr viel verdanke ich meinem Lehrer Paton Price. Er ist einer der berühmtesten Schauspiellehrer Hollywoods, ein Mensch, der wegen seiner fortschrittlichen Gesinnung schon im Gefängnis gesessen hat. Zwei Jahre habe ich bei ihm studiert. In jener Zeit habe ich sehr viel gelesen, vor allem Bücher über Philosophie. Zu uns, seinen Schülern, sagte Paton Price immer: "Man kann nicht ein guter Künstler sein, ohne ein guter Mensch zu sein. Man kann nicht ein Haus bauen ohne ein Fundament. Ihr braucht erst ein Fundament." Durch Paton Price bin ich Humanist geworden.

Das war der erste große Schritt. Den zweiten habe ich 1961 auf meiner Südamerika-Tournee gemacht. Dort habe ich Armut gesehen, Elend und Hunger. Und ich habe begriffen, dass man einen Standpunkt haben muss. Ich habe auch erkannt: Wenn man das Glück hat, berühmt zu sein, dann hat man mehr Möglichkeiten als andere, eine gute Sache zu unterstützen und sie voranzubringen. In dieser Zeit bin ich Revolutionär geworden.

Den dritten großen Schritt habe ich auf meiner ersten Reise durch die Sowjetunion getan.

TROMMEL: Wann war das?

Dean: 1965. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer noch Angst vor solchen Worten wie Sozialist, Kommunist, Marxist-Leninist. Denn in den USA werden die Menschen Tag für Tag von einer antikommunistischen Flut überschüttet. Wie soll man da die Wahrheit herausfinden? Was hatte ich für Schauermärchen über die Sowjetunion gehört! Die Wirklichkeit war ganz anders. Überall, wo ich hinkam, soviel Herzlichkeit, Freundlichkeit und Freigebigkeit. Jeder, der mich um ein Autogramm bat, suchte zuvor nach einer Kleinigkeit, die er mir schenken konnte: ein Abzeichen, ein persönliches Andenken. Das habe ich nirgendwo sonst so erlebt. Ich kenne kein anderes Land auf der Welt, das soviel gibt wie die Sowjetunion. Die Menschen dort denken immer auch an andere. Alle Länder, die Hilfe brauchen, bekommen sie von der Sowjetunion: Moçambique, Angola und viele andere, auch die DDR. Deshalb achte ich das Sowjetvolk so sehr.

Auf dieser ersten Reise durch die Sowjetunion wurde mir klar, was Marxismus-Leninismus in Wahrheit bedeutet.

TROMMEL: Du hast dann einige Jahre in Chile gelebt.

Dean: Chile ist meine zweite Heimat gewesen. Dort habe ich wunderbare Freunde gefunden: Salvador Allende, den Präsidenten der Unidad Popular, und den großen chilenischen Dichter Pablo Neruda. Pinochet hat beide auf dem Gewissen.

Wenn ich an Pablo denke, dann fällt mir jedes Mal der 28. Juli 1970 ein: An diesem Tag, es war kurz vor den Wahlen in Chile, wusch ich aus Protest gegen den schmutzigen USA-Krieg in Vietnam vor der amerikanischen Botschaft in Santiago de Chile die Flagge meines Heimatlandes. Symbolisch wollte ich sie reinigen vom Blut des vietnamesischen Volkes, das daran klebte. Man sperrte mich ins Gefängnis. Als ich wieder freigelassen wurde, wartete Pablo auf mich. Er vermisste meine Fahne. Lachend sagte er: "So geht das nicht, Dean. Es ist deine Fahne. Du musst sie wiederhaben. Jetzt ist sie doch sauber." Und er schickte ein Telegramm an den damaligen Präsidenten Chiles, Eduardo Frei. Ich war schon auf dem Weg zum Flugplatz, da kam ein hoher Offizier aufgeregt winkend auf mich zu und drückte mir ein Paket in die Hand. Es war meine Fahne.

Mit Salvador Allende bin ich während des Wahlkampfes für die Unidad Popular durch viele Städte Chiles gefahren. Er hat gesprochen. Ich habe gesungen. Tief erschüttert hat mich, wie er gestorben ist - mit der Waffe in der Hand. Dabei hätte er noch eine Chance gehabt, aus dem Präsidentenpalast hinauszukommen. Aber er starb für die Sache, für die er gelebt hatte. Er war konsequent bis zuletzt. Dafür achte ich ihn am meisten.

Das habe ich von meinem ersten Lehrer Paton Price gelernt: Man muss die Wahrheit suchen. Und wenn man sie gefunden hat, muss man sie bis zur letzten Konsequenz verteidigen, ganz gleich, ob das Berufsverbot bedeutet, Gefängnis oder Tod. Ich glaube, das ist das Wichtigste im Leben. Und deshalb hasse ich Heuchelei mehr als alles andere.

TROMMEL: Seit 1973 lebst du in der DDR. Welche Erwartungen hattest du, als du zu uns kamst?

Dean: Ich wusste, hier wird eine neue Gesellschaftsordnung aufgebaut, die beste der Welt. Das ist nicht leicht und mit vielen Mühen und Schwierigkeiten verbunden. Ich bin stolz auf die DDR, weil sie sehr viel für die Solidarität tut. Angela Davis ist durch die internationale Solidarität freigekommen. Luis Corvalan lebt durch diese Solidarität. Sie hat auch dem vietnamesischen Volk in seinem Freiheitskampf geholfen.

TROMMEL: Hast du manchmal Sehnsucht nach deiner Heimat?

Dean: Ja, sehr, denn ich liebe mein Land und mein Volk. In den USA lebt meine Familie. Auch wenn mein Vater und meine Brüder nichts mehr von mir wissen wollen, meine Mutter hält nach wie vor zu mir. Ich habe viele Freunde in meiner Heimat. Wenn ich könnte, würde ich sehr gern dorthin zurückgehen. Doch vor kurzem habe ich einen Brief von der amerikanischen Bundespolizei, dem FBI, bekommen. Man bereitet wieder einen neuen Prozess gegen mich vor.

TROMMEL: Dean, du bist Mitglied des Weltfriedensrates, reist um die halbe Welt, singst heute im Libanon und morgen in der Sowjetunion. Wie schaffst du das alles?

Dean: Mit viel Mühe und Anstrengung. Manchmal bin ich müde und wünsche mir, nur zu singen und Konzerte zu geben. Nichts weiter. Aber die Zeit verlangt mehr. So kommt es, dass ich seit zwei Jahren keinen Urlaub gemacht habe. Das Familienleben leidet darunter. Ich lebe inzwischen wieder allein.

Ich muss mir meine Zeit sehr streng einteilen. Auch wenn ich nahezu jeden Tag unterwegs bin, eines versuche ich immer einzuhalten: Ein- bis zweimal in der Woche singe ich in Betrieben, Schulen und vor Rentnern. So habe ich es bisher überall gemacht. Das ist ein Teil meines Gewissens. Für diese Nachmittage, für Solidaritätsmeetings und andere Veranstaltungen der Partei, der FDJ oder der Pionierorganisation nehme ich kein Geld. Das ist Politik. Das sind meine Ideale.

TROMMEL: Wenn du doch einmal etwas Zeit für dich selbst hast, was machst du dann?

Dean: Ich bin ein begeisterter Moto-Cross-Fahrer geworden. Hier in der Nähe meiner Wohnung ist eine große internationale Wettkampfstrecke. Dort trainiere ich oft. Das kostet mich nur wenig Zeit, allerdings auch hin und wieder eine Rippenprellung. Ich treibe auch regelmäßig Frühsport: Kniebeugen und 50 Liegestütze täglich.

TROMMEL: Welche Pläne hast du für dieses Jahr?

Dean: Von April bis Dezember werde ich einen Film drehen: eine Western-Komödie mit viel Musik und Humor, "Die Cowboys". Ich bin Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Regisseur in einer Person. Vaclav Neckar wird auch mitspielen. Zu den Dreharbeiten erwarte ich meinen Lehrer Paton Price. Er ist jetzt 62 und hat zu mir gesagt: "Dean, bevor ich sterbe, möchte ich wenigstens einmal einen Film mit dir gemeinsam drehen."

Das ist eine große Ehre für mich.

TROMMEL: Wir danken dir, Dean. Für deine Pläne - gutes Gelingen.

Das Gespräch führte Carla Bossenz.

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Letzte Änderung: 2006-11-28