melodie & rhythmus 9/1981

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ACHTUNG! Im folgenden Artikel werden Sie auf englische Sprachbrocken stoßen. Das liegt am Gegenstand. Wir vertrauen auf Ihre Vorbildung und die Auslieferung neuer Wörterbücher.

Cry Baby Cry

Make your mother sigh
She's old enough to know
(Lennon/McCartney)

Zwei Monate prangten Plakate in bleichender Sonne. Kaum ein Blatt verzichtete auf viertelseitige Annoncen. Überall anders als gerade im Palast der Republik wären Eintrittskarten zur Bückware geworden. (Einschub: Da dort allerdings ein perfektes Kontingentierungswesen waltet, ist der Erhalt eines Billetts für den Großen Saal heute keine reine Glückssache mehr, sondern zu einer Sache des Zufalls fortgeschritten. Das wiederum erklärt die halbleeren Sitzreihen im angeblich ausverkauften Haus.)

Mit derart ermunternden Vorzeichen startete, was man unter der Hand die zweite Personality-Show des Palastes nannte. Nach Jürgen Walter im vergangenen Jahr war in diesem August Dean Reed mit solch einem vertrackten Ding an der Reihe. Verflixt, wie man sich im Deutschen um das Wort "personality" lang und unentschieden streiten kann. Wird es mit "Person" übersetzt, deutet es in Verbindung mit einer öffentlichen Veranstaltung lediglich an, dass es eine Art Hauptdarsteller geben wird, vermutlich in der Rolle eines freundlichen Gastgebers. Meint "personality" in zweiter Bedeutung aber "Persönlichkeit", so heißt das: Auf dieser Bühne wird sich jemand offenbaren, sein Talent, sein Können und seine Erfahrung ganz und gar entfalten. Jedermann (Prüfe Dich selbst!) gäbe natürlich dem zweiten, dem fetten Happen bedenkenlosen Zuschlag, befragte man ihn nach seinen Gelüsten. Und gar in Verbindung mit dem Namen Dean Reed...

Zuviel krauses Zeug ist über ihn gesponnen worden. Verträumte Mädchenaugen und abschätziges Grinsen haben ihn gleichermaßen gemustert. Laufend im Gespräch, stolperten irgendwann auch die über ihn, die ihn gern umgehen wollten. Und nun eine Personality-Show auf der größten Bühne des Landes. Endlich die Chance, zu erfahren, wo genau des strahlenden Sonnyboy Ernst beginnt und der Spaß aufhört. Vielleicht ein paar öffentliche Nachdenkereien vernehmen, warum er welchen Sätteln gerecht werden will. Vielleicht gibt es gar blaue Flecken zu sehen, die vom hohen Ross herstammen. Wer weiß - und niemandem fiele es schwer, ohne mit der Wimper zu zucken weitere Fragen anzufügen, die er gern von Dean beantwortet hätte. Aber:

(Erneuter Einschub: "Weine, mein Kind, weine - lass deine Mutter seufzen, sie ist schließlich alt genug, um es besser zu wissen" - Lennon/McCartney.)

"Sing, Dean, sing" verzichtete auf diese Möglichkeit. Man lehnte sich ins Polster zurück, die Unterhaltung hub an. (Wie oft kann man das schon!) Und nun fiel es leicht, sich mit der eher mageren Personen-Schau nicht nur abzufinden, sondern gar Spaß dran zu haben. Zumal die Garnierung recht appetitlich war. Zwar bestand das Bindemittel aus reichlich fader Big-Band-Paste (Rundfunktanzorchester, Leitung Martin Hoffmann), im Arrangement wie in der Lautstärke wenig einfühlsam; die restlichen Zutaten aber waren durchaus akzeptabel. Elke Martens und Marion Scharf trugen die jugendfrische Füllung bei - zuweilen etwas unsicher und nicht sehr gut beraten bei der Titelauswahl. Die Heubach-Kompositionen für Elke Martens brauchen eine dezentere Atmosphäre als diesen ...zigtausend-Mann-Saal. Marion Scharf nahm sich mit dem kraftvollen Vortrag des Beatles-Opus "Let it be" die Luft für Brahm's Schlaflied "Guten Abend, Gute Nacht", dem sie so ein atemloses "oh yeah" zufügte.

Die Schmeckerchen des Abends boten Josef Laufer und Dagmar Frederic an, die per gekonnter Routine brillierten und mit einem Rock'n'Roll-Medley (Laufer) bzw. dem bulgarischen Lied "Bunte Wagen" (Frederic) bewiesen, dass die weite Palastbühne auch von einem einzelnen zu füllen ist. Als Zuckerbrezel obenauf schließlich gab es Phil Everly aus den USA. Gegen "Bye, bye, love" oder "Cathys Clown" lässt sich heute sowenig sagen wie zu deren Top-Zeiten vor mehr als zwanzig Jahren.

Das also war das lukullische Dressing. Es folgt der Hauptgang - Dean Reed. Man bekam ihn per Projektion als Cowboy zu sehen, er sang Beatles-Oldies (Was kann da schon schief gehen?), den immergrünen Western "Ghost Riders", er wechselte den Hut für "Mack the knife", ließ mit "Glory halleluja" die "Saints" einmarschieren, er erklärte erst "Susan" und dann Berlin, das doch Berlin bleibt, seine große Liebe und stieg schließlich als Halb-Bruder in Phils Everly-Songs. So kurz diese Zusammenfassung ist, so ungenau und unvollständig ist sie. Sie bietet allerdings einen großen Vorteil: Man erkennt das Rezept der Show. Das Programm war clever auf die vermeintlichen Stärken Dean Reeds ausgelegt. Dass seine Bühnenpräsentation nicht durch tänzerisches Können aufgewertet werden kann, wurde lachend überspielt, der Sprachbarriere wurde durch kurze Übergänge Rechnung getragen. (Ob die unvermeidliche Stichelei gegen die Filmkritik oder der Hinweis, Fred Astaire habe allein einer neuerlichen Hochzeit wegen absagen müssen, originell waren, sei dahingestellt.) Zudem gab es keine peinlichen Überschneidungen zwischen Politsong und Entertainment - eine alte Dean-Krankheit.

Autor Heinz Quermann hatte die altbewährte Kiste aufgemacht. Das Publikum bekam seinen Dean, wie man ihn erwartet hatte. Nach ähnlich unfehlbarem Muster ging die Show dann auch zu Ende. Alle sechs Akteure starteten unter Deans Chorführung die große "Anmache". Die erwünschte Wirkung trat prompt ein: Rhythmisches Klatschen, Jubel, Trubel, Verbeugung und zweifacher Abgang. Inzwischen verpackten die Musiker das Instrumentarium. Und da geschah es (jedenfalls in der Vorstellung, die ich besuchte, nämlich der ersten). Das Publikum hörte nicht auf. Die berechnete Wirkung war überzogen worden. Dean Reed musste auf die leere Bühne zurück, und dort fing er einfach an, zu erzählen und schlichtes Lied zu singen. Vielleicht hat er die Geschichte seiner Mutter, die mit 61 Jahren ein Hochschuldiplom erlangte, schon oft zum Besten gegeben, auch jenes Lied hatte er schon vor Jahren öffentlich gesungen. Egal - denn nun endlich fand ein Stück Personality-Show statt, von jener nahrhaft-sättigenden Sorte mit "Persönlichkeit". Und plötzlich wurde man mit Entsetzen gewahr, wie sehr Dean Reed in den letzten anderthalb Stunden unterfordert wurde. Alles war perfekt eingerührt, aber es war der falsche Topf. Cry Baby Cry, weine nur mein Kind, die Chance ist vergeben. "Sing, Dean, sing" ist abgespielt. Vielleicht startet irgendwann eine neue Runde - sicherlich. Um sie zu nutzen, braucht Dean Reed Hilfe. Nicht von Freunden, die flugs mit Schulterklopfen und vorgefertigten Dean-Reed-Rezepten bei der Hand sind oder solchen, die ihn kritiklos weiterwursteln lassen. Ich jedenfalls gönne ihm einige unfreundliche Freunde. Nicht alles lässt sich mit einem Lächeln erledigen.

Wilhelm Kuschfeld

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Letzte Änderung: 2008-05-30