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Veranstaltung im Grassimuseum in Leipzig

am 18.06.1982

vor dem Grassimuseum in Leipzig 18.06.1982

Am 18.06.1982 trat Dean im Grassimuseum in Leipzig aus folgendem Grund auf: Er unterstützte mit diesem Auftritt eine Spendenaktion der Fachschule für mittleres medizinisches Personal (Krankenschwester-Ausbildung) der Uni-Klinik Leipzig. Die Eintrittsgelder und freiwilligen Zusatzspenden wurden für die behinderten Kinder der Tagesschule in Leipzig gesammelt.

Neben den Schwesternschülerinen und Schülern, die aus ganz Leipzig waren und für die Geldspenden sorgten, nahmen als Ehrengäste 10 behinderte (meist körperlich) Kinder teil.

Dean erzählte aus seinem Leben, beantwortete Fragen in Form eines Interviews und sang ganz verschiedene Lieder. Das zeigt einmal mehr, dass es nicht nur um die bedrohten Länder in seinem Leben ging, in die er seine Kraft steckte, sondern auch um die ganz normalen Sorgen des täglichen Lebens.

Organisiert und ins Leben gerufen wurde diese Veranstaltung durch eine Schülerin der Fachschule für Medizin der Uni Leipzig. Ingeborg Stiehler unterstützte die Organisation in Leipzig und war mit vor Ort.

Ute Drobny, 18. September 2015

Wie üblich traf Dean erst kurz vor Beginn der Veranstaltung ein. Die Direktorin eröffnete die Veranstaltung. Dean sang das Lied "Guantanamera".

"Ich freue mich, dass ich heute hier bei euch sein kann. Wir sind wie eine große Familie. Natürlich mit vielen Geschwistern. Und du da oben, hast es dir bei den Mädchen sehr bequem gemacht."

Damit meinte er einen Jungen Michael, den er später noch auf die Bühne holte.

"Entschuldigt, dass ich so schlecht deutsch spreche, aber deutsch ist wirklich eine sehr schwierige Sprache und ich glaube, euch geht es genau so. Mit den Wörtern: dich, du, ihr, hatte, war u.s.w. ist bei mir im Kopf ein großes Loch. Ach, vor zwei Jahren war ich mit zwei Freunden zusammen. Der eine war ein Franzose und der andere aus der DDR. Der Franzose erzählte: 'Weißt du Dean, französisch ist eine sehr schwere Sprache.' Ich fragte gleich, warum und er sagte: 'Na ja, man schreibt z.B. Madame und spricht Mädäm.' Ich sagte, englisch ist auch schwierig, man schreibt z. B. peace und sagt pies. Mein deutscher Freund überlegte und überlegte, bis er endlich sagte: 'Deutsch ist noch schwerer, denn man schreibt z.B. Wie bitte? Und sagt hä?'

Ich kann mehrere Sprachen: spanisch, italienisch und ein bisschen englisch. Nun singe ich ein Lied von dem Oktoberklub. Bei diesem Lied muss man genau zuhören, denn der Text ist wichtig. Man kann sich vorstellen, dass man diese Probleme am Abendbrottisch mit der Familie bespricht."

Das Lied heißt "Aber bitte Devisen" und wird nach der Melodie von "Aber bitte mit Sahne" gesungen.

"Seit einiger Zeit schreibe ich an einem neuen Drehbuch, 'Wounded Knee'. Es handelt von Russel Means und soll ein Spielfilm der heutigen Zeit sein. In Italien drehte ich viele Filme, und in einem Film musste ich mich mit dem Europameister im Boxen von 1967 schlagen. Der Regisseur sagte: 'Herr Reed, fangen Sie an!' Ich schlug den Boxer mit der Faust auf die Nase. Jetzt dachte ich, nun wird er dir ebenfalls eine so derbe verpassen. Aber er sagte gelassen: 'Einmal kann ich es noch verzeihen.' Beim nächsten Mal schlug ich, ohne dass ich es wollte, wieder sehr derb auf seine Nase. Nun bekam ich fürchterliche Angst vor ihm und wäre am liebsten nach Colorado gelaufen. Er sagte wieder gelassen: 'Dean, nicht noch mal!' Von da an war ich in Rom sehr gefürchtet. Immer, wenn ein Schauspieler mein Partner sein sollte, aber als er meinen Namen hörte, lehnte er die Rolle ab. Meinen Produzenten gefiel das nicht sehr und ich musste auf eine Schule gehen. Dort lernte ich, wie man seinem Gegner eine mit der Faust gibt, ohne dass der jenige getroffen würde. Na, du da oben, komm mal bitte runter!"

Der junge Mann, der gemeint war, kam die Treppe herunter und stand nun neben Dean. Es war der, den er schon am Beginn der Veranstaltung angesprochen hatte.

"Also, wenn man immer hier unten steht und zum Publikum hinauf sieht, bekommt man mit der Zeit einen Krampf im Hals. Nun zu dir. Wie heißt du?"

"Michael..."

"Also Michael, du stellst dich hierher und ich probiere mal, ob ich noch gut treffe. Wenn man mit der Faust an der Nase vorbeizielt, merkt man, dass man nicht richtig zuschlagen wird. Auch wenn man eine Zeitlupe macht, wirkt es unecht. Also muss der Partner mitmachen, und zwar so."

Alles was Dean erklärte, probierte er an Michael aus.

"Wenn ich meinen Partner schlage, muss derjenige seinen Kopf nach hinten beugen. Also musst du, Michael mitmachen."

Als Dean beim nächsten Mal haarscharf an Michaels Nase vorbei traf, sah es wie echt aus, und Michael durfte wieder an seinen Platz gehen.

Dean sang "La Bamba".

Mitten im Lied hörte er auf zu singen auf, stellte seine Gitarre neben ein Klavier, holte sich ein Mädchen aus dem Publikum und tanzte mit ihr. Dabei sang er weiter, aber ohne Mikrofon.

"Als ich im Urwald zwischen Brasilien und Argentinien war, suchte ich mit meinem Freunden einen Indianerstamm, den zuvor noch niemand gesehen hatte. Wir fanden..., besser gesagt, die Indianer fanden uns. Da fällt mir eine andere Geschichte ein. 1978 sah ich zum letzten Mal Russel Means. Er sagte mir, dass nicht Kolumbus die Indianer entdeckt hat, sondern die Indianer ihn. So haben auch uns die Indianer entdeckt. Dieser Indianerstamm trug wegen der großen Hitze keine Kleidung. Die Leute merkten es nicht einmal, wenn sie von den Mücken gestochen wurden. Bevor ein Junge zum Manne des Stammes wird, musste er eine Probe bestehen. Zwei Indianerjungen stehen sich gegenüber und schlagen sich mit Stöcken gegenseitig auf die Köpfe, bis ein Junge tot umfällt. Von dem anderen Jungen war der Kopf gespalten. Das bedeutet, nun ist er ein Mann. Am ersten Tag sang ich den Indianern etwas vor. Es war keine Reaktion zu merken, sie verstanden nichts vom Gesang. Am zweiten Tag kam ein Indianer zu mir und sagte aufgeregt PAKAPUTO. Ich zuckte mit den Schultern, aber er wiederholte dieses Wort immer wieder. Ich dachte, es wäre sein Name und sagte ihm meinen. Am Schluss der Unterhaltung konnte er Deano wunderbar aussprechen. Dann wurde es Nacht. Die Frauen schliefen in rechten Teil des Dorfes, die Männer im linken. Wir Gäste durften in der Mitte schlafen. Jeden Abend erzählten die Männer sich Witze. Wir verstanden natürlich nichts. Sie lachten sich förmlich krank. Nicht wie man hier lacht - ha, ha, ha. Nein, dort war alles anders. Der eine Mann rief meinen Namen und durch das Echo wiederholte er sich sehr oft. Ich rief PAKAPUTO in die Nacht hinein und nun lachten die Männer umso mehr, sie fielen aus ihren Hängematten und lachten minutenlang auf dem Boden. Bis heute weiß ich nicht, was das Wort PAKAPUTO heißt. Sein Name war es bestimmt nicht."

Ein Cowboylied.

"Habt ihr den Film "Sing, Cowboy, sing" gesehen? Trotz vieler schlechter Kritiken ist er bei Publikumsfragen der beliebteste Film 1981 gewesen. Ihr wisst, dass ich selber ein Cowboy bin, ich brauchte mich bloß selbst zu spielen. Na ja, der Mann hier drüben an der Technik sieht auch bald aus wie ein Cowboy. Nun werden wir mal ein Lied zusammen singen. Es ist ganz einfach, jeder muss nur sechs Sprachen können. Eigentlich von jeder Sprache nur ein Wort, und das ist yes, da, wang, ja... Habt ihr Mut? Na, fangen wir an!"

We say yes, yes, yes

"Also fürs Klatschen bekommt ihr eine Eins, aber fürs Singen eine glatte Fünf. Wie manche wissen, war ich 1978 zum fünften Mal im Gefängnis. Das ist bestimmt mein einziges Hobby. Ich möchte zwei Episoden erzählen: Ich beteiligte mich an einer friedlichen Demonstration auf einem Feld. Als ich gerade sang, kamen viele Polizisten und verhafteten zwanzig Menschen, von denen sie glaubten, sie seien die Anführer. Darunter auch ich. Wir wurden in einen LKW getrieben und mussten über eine Stunde darin bleiben. Damit wir uns gegenseitig Mut machten, sangen wir viele Lieder. Auf einmal rief ein Mann: 'Ich bin frei!', und er hielt seine Hände in die Luft. Er hatte irgendwie seine Plastfesseln aufgebrochen. Unter uns war ein kleiner Revolutionär. Er war zwölf Jahre alt und war in den vergangenen Ferien in der SU gewesen. Nun wollte er in den USA gleich die Revolution auslösen. Er sagte, dass er ein Taschenmesser in der Hosentasche hätte. Der Mann holte es heraus und wir schnitten uns gegenseitig die Fesseln durch. Nach kurzer Zeit waren alle frei und wir hatten nichts mehr zu tun. Eine Frau erzählte, dass man sechs Monate sitzen könne wegen der Fesseln, aber das half jetzt auch nicht mehr. Endlich hielt der LKW im Gefängnis und die Türe wurde geöffnet. In dem LKW waren keine Fenster, und so hatte keiner gemerkt, dass wir frei waren. Wir gingen alle mit erhobenen Händen ins Gefängnis und sangen. Die Polizisten bekamen so große Augen wie Bauklötzer. Im Gefängnis traten wir in einen elftätigen Hungerstreik. Eigentlich brauchte ich nicht abzunehmen, denn ich bin schlank genug. Am ersten und zweiten Tag hatte man fürchterliche Bauchschmerzen, am fünften Tag ging es schon. Man hatte sich eigentlich daran gewöhnt und am achten Tag kam es einem vor, als wäre der Magen zusammengeschrumpft. Die Gefängnistüren aller Zellen konnte man in einer Zentrale durch Fernsehen u.s.w. beobachten. Eines Tages sah man, dass die Familie des Sheriffs in die Zentrale gekommen war, um den Marxisten Dean Reed kennen zu lernen. Ich sang mit meinen Gefährten einige Lieder und unterhielt mich mit dem Sheriff. Ich glaube, wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er uns entlassen."

Ulrike ging zum Mikrofon, um Fragen zu stellen.

"Ich möchte euch ein Mädchen vorstellen, das viele meiner Konzerte besuchte und mir viele Briefe in Deutsch und Englisch schrieb. Immer wieder musste ich nein sagen, aber bei ihrem letzten Brief war der Schluss so hart, dass ich ja sagen musste. Sie hatte viel Geduld mit mir und viel Ausdauer. Sie heißt Ulschike."

Das Publikum lachte. Dean sah Hilfe suchend zu Ulrike.

"Habe ich was verkehrt gemacht?"

Ulrike winkte ab, dann stellte sie Fragen von behinderten Kindern, die Dean beantwortete.

Wie waren deine Zensuren?

"Vorwiegend hatte ich Zweien. Ich studierte Meteorologie und musste für ein Studienjahr 2.000 Dollar bezahlen."

Wer sind deine Vorbilder?

"Das ganze werktätige Volk, denn es arbeitet und bekommt keinen Applaus wie ich."

In welchen Filmen spieltest du und wo wurden sie gedreht?

"In Chile, Mexiko, Argentinien, Italien, DDR, BRD, Bulgarien, Rumänien, CSSR, SU u.s.w."

Treibst du Sport?

Wie üblich lief Dean auf Händen.

"Ja, ich mache jeden Tag meine Übungen und auch in den Filmen brauchte ich kein Double. Jetzt bin ich bald 44 Jahre alt und ich merke von Tag zu Tag, dass ich älter werde. Eigentlich lassen sich alle Schauspieler in der DDR doublen, und ich habe Angst, eines Tages sagen zu müssen, dass ich ein Double brauche."

Hast du vor, ein Buch über dein Leben zu schreiben?

"Nein, ich selbst nicht. Im Verlag Neues Leben erschien 1981 ein kleines rotes Buch über mein Leben, aufgeschrieben wurde es von Hans-Dieter Bräuer, dem Vorsitzenden für Außenpolitik der NBI."

Führst du Tagebuch?

"Nein, dazu habe ich keine Zeit."

Warum und wie bist du in die DDR gekommen?

"Ich war 1971 zur Dokumentarfilmwoche in Leipzig und lernte eine Frau kennen. Ich nutzte diese Gelegenheit, um den Sozialismus kennen zu lernen. Zwar war ich vorher oft in der SU, aber lebte in Hotels und konnte dort nicht den echten Sozialismus erwarten. Deswegen nutzte ich die Gelegenheit und "verheiratete" diese Frau. Auch wenn sie eine Russin gewesen wäre, hätte ich sie "verheiratet", aber dann wäre ich jetzt in der SU. Wenn ich aber hier nicht mehr bleiben möchte, werde ich mit meiner Familie in ein anderes Land ziehen. Von dieser Frau trennte ich mich bald und am 22. September 1981 heiratete ich Renate Blume. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in dem Alter noch einmal eine so hübsche, attraktive und kluge Frau heiraten würde. Ich bin auf meine Frau sehr stolz, denn sie hat den Leninpreis der SU bekommen. Sie ist die erste DDR-Bürgerin mit einer so hohen Auszeichnung, und das schon mit 38 Jahren. Gewöhnlich bekommt man den Leninpreis erst mit 75 Jahren, da freut man sich noch mal und danach stirbt man. Renate und ich haben gesagt, wenn wir heiraten, ist es das letzte Mal. Also, bis dass der Tod uns scheidet. Wünscht mir aber nicht, dass ich auf der nächsten Autobahn nach Meiningen einen Unfall habe. Ich bin sehr glücklich verheiratet und habe drei Kinder: zwei Mädchen, Natascha und Ramona Guevara, und den Sohn Sascha Alexander. Man sagt zu seinen Kindern oft, eines Tages wird ein Prinz kommen oder eine Prinzessin, die Liebe käme und die Ehe sei eine reine Märchenwelt. Es stimmt nicht. Ich muss mir Zeit für meine Familie nehmen und sie müssen mich verstehen."

Was singt du eigentlich für Lieder?

"In der DDR wird jeder Sänger in einer Kiste eingeordnet. Er bekommt einen Stempel und ist ein Schlagersänger, Rock'n'Roll-Sänger u.s.w. Ich möchte das nicht, denn in meinen Liedern soll die Liebe besungen werden. Es ist die Liebe zu einer Frau, zu den Kindern, für ein Bild... Ich singe immer über diese Liebe. Man kann nicht immer nur ein Protestsänger sein, sondern ich muss lachen, ich brauche Liebe und möchte nicht mit einem Stempel versehen werden."

Frage aus dem Publikum:

Was für eine Staatsbürgerschaft hast du?

"Ich bin Bürger der USA und man kann mich nicht aus meinem Land verweisen. Aber wenn ich hinkomme, kann ich verhaftet werden.

In den letzten Wochen habe ich sehr oft geweint und ich schäme mich nicht das zu sagen. Ich war oft im Libanon und habe dort viele Freunde gehabt, aber jetzt sind sie alle tot. Ich bin sehr traurig, so viele Freunde verloren zu haben. Ich habe zusammen mit ihnen in Libanon gekämpft, habe gelernt, sie zu verstehen, und jetzt sind viele Tausende gestorben. Es tut mir innerlich sehr weh, wenn man versucht, ein Volk auszurotten und es kann nichts dafür."

"We Shall Overcome", mitten im Lied:

"Achtung, die Frau dort oben mit dem Fotoapparat ist von der CIA und sehr gefährlich!"

Die Direktorin und Ulrike bedankten sich bei Dean für sein Kommen und überreichten ihm Blumen.

Gleich nach der Veranstaltung ging Ute runter zu Ingeborg Stiehler, Ulrike und Dean. Sie bedankte sich bei Ingeborg noch einmal für den Termin. Dean ließ sie auf einigen Postern unterschreiben und unterhielt sich sehr kurz mit ihm. Mit Ulrike verabredete sie ein weiteres Zusammentreffen. Ute verließ das Grassimuseum gemeinsam mit Dean und Ulrike. Vor dem Tor stand Ingeborg mit ihrem Fotoapparat und bat um ein Foto fürs Familienalbum. Dean blieb sofort stehen.

Ute ging zur Seite, weil sie dachte, Ingeborg wolle nur die beiden anderen fotografieren. Diese sagte aber gleich: "Na, gehörst du etwa nicht mit dazu?" So kam auch Ute mit aufs Foto und damit in das Familienalbum. Als die vier unter sich waren, erzählte Dean noch kurz von dem Wort PAKAPUTO.

Ute verabschiedete sich und ging zur Straßenbahn. Dean und Ulrike fuhren anschließend nach Meiningen.

Nach Informationen von Ute Freidank, Leipzig, Juni 1982.

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Letzte Änderung: 2015-10-16