Nahid Lalsetareh – perspektive online – 5. März 2026
Zwei Tage bis zur Landtagswahl in Baden-Württemberg. Die CDU führt knapp vor den Grünen. Doch ein sexualisierendes Video von Manuel Hagel könnte dem CDU-Spitzenkandidaten zum Verhängnis werden. – Ein Kommentar von Nahid Lalsetareh.
Am 23. Februar veröffentlichte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer ein Video aus dem Jahr 2018, in dem der baden-württembergische CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel von einem Schulbesuch berichtet. Es handelt sich um eine Folge „auf ein Bier mit„.
„Eine Klasse, 80 % Mädchen. Also da gibt es für einen 29-jährigen Abgeordneten schlimmere Termine als diesen.“, grinste er, bevor er über eine Schülerin sehr spezifisch berichtete. „Dann begann, und ich werde es nie vergessen, die erste Frage. Sie hieß Eva. Braune Haare, rehbraune Augen. Ich sag’ keinen Nachnamen dazu.“
Der Moderator Marcel Wagner, damals 35, kommentiert: „Die wird jetzt rot zuhause, wenn die das sieht, gerade hier.“ Die Abgeordnete Mayer hinterfragt, weshalb denn der Besuch einer Klasse mit maximal 16-Jährigen ein besonders schöner Termin für Hagel sei, und weshalb das Aussehen der Schülerin von so großer Relevanz sei.
Warum ging Hagel überhaupt darauf ein? Was würde es jungen Mädchen vermitteln, die sich politisch engagieren wollen? Diese Aussagen sind bezeichnend. Nicht nur, weil Minderjährige sexualisiert werden, sondern weil deutlich wird, dass Frauen und Mädchen in der Politik nicht ernst genommen
werden.
Konkurrent Özdemir übt Männersolidarität
Als ein AfD-Abgeordneter den Post bei der Sendung „Die Debatte“ aufgriff, fragte er den Grünen-Abgeordneten und Spitzenkandidaten Cem Özdemir, ob eine Zusammenarbeit mit der CDU denn trotz dessen möglich sei. Hagel wurde daraufhin in Schutz genommen.
„Ich bin mir sicher, Herr Hagel würde das heute nicht mehr so formulieren.“, so Özdemir. „Im Übrigen sind wir uns, glaube ich, einig, dass man Frauen so beurteilen sollte, wie man Männer beurteilt: nach ihrer Leistung, nach nichts anderem. So wollen wir Männer auch beurteilt werden.“ Das ist gelebte Männersolidarität.
So ist Hagel jetzt laut seinem Konkurrenten entschuldigt, da seine Aussage zu einer Minderjährigen nicht seine Leistung reflektiert. Es sei sogar nicht angebracht, das Video anzusprechen, da man „anständig und fair miteinander umgehen“ sollte. Soll man Hagel also nicht wegen dieser Aussage kritisieren?
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Heiß umkämpfte Wahl
Währenddessen wirft die Union den Grünen eine schmutzige Kampagne vor. CDU-Politiker Thomas Strobl sagte: „Das ist eine Kampagne wirklich aus der untersten Schublade.“ Noch kritischer als Strobl äußerte sich der Landesvorsitzende der Jungen Union, Florian Hummel. „Wer soll es bitte schön glauben, dass der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir, der sich so gerne bürgerlich geriert, von dieser Kampagne nichts wusste?“. Özdemir betonte mehrfach, nichts von der Veröffentlichung des Clips gewusst zu haben.
Eine Sprecherin Özdemirs reagierte auf Nachfrage von t-online auf den Vorwurf, Özdemir und Mayer hätten sich kurz vor Veröffentlichung des Videos getroffen. „Cem Özdemir war im Rahmen seiner Wahlkampftour am 21. Februar bei einer öffentlichen Wahlveranstaltung in Karlsruhe, an der auch Zoe Mayer teilgenommen hat.“ Es habe kein gesondertes persönliches Treffen der beiden gegeben. „Das Video war kein Thema“, so die Sprecherin.
Bei der Landtagswahl am Sonntag läuft es auf ein knappes Rennen zwischen CDU und Grünen hinaus. Özdemirs Grüne haben in jüngsten Umfragen deutlich aufgeholt und liegen je nach Umfrage nur ein bis drei Prozentpunkte hinter der CDU.
Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungs-
instituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sagten 47 Prozent der Befragten, die von dem Video gehört hatten, dass es ihr Bild von Hagel eher verschlechtere. Aber: Etwa jede:r Zehnte (13 Prozent) hat demzufolge nun sogar ein positiveres Bild von Hagel! 38 Prozent erklärten, ihre Einschätzung habe sich dadurch kaum verändert.
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Frauen und Mädchen als Objekte? Der 8. März steht vor der Tür!
In dieser Instanz wird wieder einmal deutlich, wie ernst unsere „Repräsentanten“ junge Frauen nehmen. Sind das Bemerkenswerteste an der interessierten Schülerin nun tatsächlich ihre Haare und Augen gewesen? Und war Hagels objektifizierende, patriarchale Aussage tatsächlich so harmlos, wie er und Özdemir es behaupten? Man sieht wiederholt, dass, wenn patriarchales Verhalten überhaupt angesprochen wird, es der rassistischen Hetze und der Spaltung der Klasse dient.
„Der deutsche Staat und insbesondere Merz standen im Kampf gegen patriarchale Gewalt noch nie auf unserer Seite – war er es doch, der noch im letzten Jahr gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen eintrat und behauptete, das Thema „Schwangerschaftsabbrüche“ würde die Gesellschaft spalten.“, so Tabea Karlo von Perspektive Online.
Währenddessen sind es Abgeordnete im Parlament, die so über Frauen und Mädchen schwärmen. In Fällen von sexualisierten Anmerkungen und Gewalt zeichnet sich die Klassenjustiz ganz klar aus. Sei es Hagel, der in Schutz genommen wird, nachdem er über eine Realschülerin abgeschwärmt hat, oder die Täter der Epstein-Files, die keine Konsequenzen erfahren haben.
Das verdeutlicht die Tatsache, dass auf den bürgerlichen Staat und seine Abgeordneten kein Verlass ist. Wir Frauen dürfen nicht darauf hoffen, gehört zu werden, von den Trägern eines Systems, die von unserer Unterdrückung und unserer Ausbeutung profitieren. Nur vereint, mit Frauensolidarität und Widerstand gegen eben diese Stellvertreter des Systems wie Hagel und Özdemir, werden wir uns und unsere Körper verteidigen können. Wir sehen uns am 8. März, Herr Hagel!
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Dieser Artikel erschien erstmals am 6. März 2026 auf perspektive online. Wir danken den Genossen für ihre gute Arbeit. Eine Weiterveröffentlichung des Textes ist gemäß einer Creative Commons 4.0 International Lizenz ausdrücklich erwünscht. (Unter gleichen Bedingungen: unkommerziell, Nennung der verlinkten Quelle (»Roter Morgen«) mit Erscheinungsdatum).
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