Nico Diener

Vom „Untertan“ zum „Bernsteinzimmer“

Das Große Lexikon der DEFA-Spielfilme ist neu erschienen
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Nico Diener

Gestern wurde im Kino Toni, am Berliner Antonplatz, die stark erweiterte Auflage, des schon bekannten, Lexikons der DEFA Spielfilme vorgestellt. Kurz nach dem 70. Jubiläum der DEFA (Deutsche Film AG) hat der Autor und renommierte Filmpublizist Frank-Burkhard Habel sein, nun stark illustriertes Werk, der Öffentlichkeit präsentiert. Es entstand, 16 Jahre nach Erscheinen der ersten Ausgabe, in enger Zusammenarbeit mit der DEFA-Stiftung.

Im Gespräch mit der Schauspielerin Ute Lubosch sagte F.-B. Habel unter anderem: »DEFA war mehr als die populäre Abkürzung des Namens einer Filmgesellschaft. DEFA-Filme waren Programm und Propaganda, standen oft für Qualität und manchmal für Qual«.
Anschließend wurde der Kurzfilm »DEFA 70« gezeigt, den der durch Konrad Wolfs Filme bekannte Kameramann Werner Bergmann 1965 als sein Regie-Experiment gedreht hatte, um die Möglichkeiten der 70 mm-Kamera auszutesten.

Vor dem interessierten Publikum, darunter Künstler aus DEFA-Zeiten, wie die Schauspielerinnen Dietlinde Greiff und Katrin Knappe, die Dramaturgin Inge Heym, der Kameramann Peter Ziesche und die Szenenbildnerin Britta Bastian, las Habel markante Absätze aus seinem Lexikon vor, in dem auch mehrere Seiten Dean Reeds DEFA-Filmen gewidmet sind. Gegenüber der Erstausgabe von 2001 ist das nunmehr zweibändige Lexikon um etwa 100 Filme erweitert worden, weil auch Fernsehproduktionen, die im Kino liefen, sowie Filme aus der BRD und der Sowjetunion hinzukamen, die zwar formal keine DEFA-Streifen waren, aber zu beachtlichen Teilen von der DEFA unterstützt wurden.

Autor F.-B. Habel beim signieren seines Werkes.
Foto: Veiko Hübner

Im Publikumsgespräch wurde der Autor nach dem Verhältnis zwischen der DEFA als Produzenten und den Künstlern gefragt. Habel erläuterte, dass die künstlerischen Auffassungen mitunter nicht mit den vorgegebenen gesellschaftlichen Interessen harmonierten und führte das Beispiel von Rainer Simons Film „Jadup und Boel“ (mit Katrin Knappe als Boel) an, der 1981 fertiggestellt wurde, aber wegen zu kritischer Schilderung der Gegenwart bis 1988 (ein bisschen Glasnost war auch in der DDR angekommen) warten musste, ehe er aufgeführt werden durfte. In der DDR, so Habel, war der Staat zugleich der Produzent, denn die DEFA war ein Volkseigener Betrieb. Habel zitierte aus seinen Gesprächen mit dem renommierten Regisseur Egon Günther, der die DDR 1980 verließ, um für zehn Jahre im Westen zu arbeiten, und der desillusioniert zurückkehrte. Sinngemäß hatte Günther gesagt, in der DDR konnte man mit den Funktionären, die die Filme anders haben wollten, wenigstens darüber diskutieren. Produzenten im Westen diktierten, wie die Filme auszusehen hätten, rein nach Marktinteressen und da war mit ihnen nicht zu reden.

Die erweiterte Neuausgabe in zwei Bänden dokumentiert alle Filme der DEFA aus 47 Produktionsjahren (1946 bis 1993). Geboten werden jeweils eine Auflistung der Mitarbeiter, eine Inhaltsangabe, Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte sowie zahlreiche Abbildungen. Nirgendwo sonst lässt sich kollektives Erleben besser nachempfinden und kaum eine andere Kunstform gibt mehr Sichten auf den Alltag der Menschen frei, als der Film. Das gilt in besonderem Maße für die DEFA-Produktionen als ein Stück Deutscher Geschichte, wie sie im neuen, erweiterten Lexikon erzählt wird. Mit dabei sind auch die 22 Produktionen die im „DDR-Volksmund“ als „Kellerfilme“ und später auch als „Kaninchenfilme“ bezeichnet wurden. Dabei handelt es sich um Filme, die der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) zur Zeit des Erscheinens und später nicht genehm waren und durch das Plenum des ZK der SED und weitere auf anderen Wegen, verboten wurden. Gute und schlechte Produktionen, die teilweise erst nach der Auflösung der DDR der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Auch Spiel- und Dokumentarfilme wie „Der Untertan“ (1951), „Du und mancher Kamerad“ (1956), „Thomas Müntzer“ (1956), „Das tapfere Schneiderlein“ (1956) und „Berlin – Ecke Schönhauser“ (1957), die neben Anderen der Zensur in der BRD (Bundesrepublik Deutschland) zum Opfer fielen, sind dabei. Ein obskurer „Interministerieller Ausschuss für Ost/West-Filmfragen“ hatte seine Einfuhr verboten. Ebenso sind die beliebten DEFA-Märchenfilme, über deren sozialistisch-pädagogische Wertigkeit sich sicherlich streiten lässt, mit über dreißig Produktionen ausführlich beschrieben.

Wer sich mit der DDR-Filmgeschichte beschäftigt, sei es nun beruflich oder aus rein privatem Interesse, kommt um dieses Standartwerk nicht herum. Sauer aufstoßen wird er aber an der Kasse seiner Buchhandlung oder Onlinebuchhandlung, wenn’s ans bezahlen geht. Ganze 99,99 Euro muss man ausgeben um die erweiterte Ausgabe sein Eigentum nennen zu dürfen. Bei dem Preis ist zu hoffen das viele öffentliche Büchereien, soweit sie noch nicht wegrationalisiert wurden, sich dieses umfassende Werk anschaffen. Nirgendwo sonst lässt sich kollektives Erleben besser nachempfinden und kaum eine andere Kunstform gibt mehr Sichten auf den Alltag der Menschen frei.

F.-B. Habel, DAS GROSSE LEXIKON DER DEFA-SPIELFILME – Die vollständige Dokumentation aller DEFA-Spielfilme von 1946 bis 1993
Erweiterte Neuausgabe in zwei Bänden, 1152 Seiten mit ca. 1000 Abbildungen | Zwei Bände gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-86265-587-8, 99,99 EUR (D)
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