Redaktion – 9. Januar 2026
Die neue syrische Regierung führt Krieg gegen die kurdische Selbstverwaltung in Aleppo. Hinter der Parole von nationaler Einheit stehen Bomben auf Wohnviertel, Vertreibung zehntausender Menschen und der Versuch, eines der fortschrittlichsten politischen Projekte der Region zu zerschlagen. Revolutionäre Marxistinnen und Marxisten müssen diese Angriffe benennen und den Widerstand klar unterstützen.
Aleppo als Schauplatz reaktionärer Machtpolitik
Auf Anweisung der syrischen Regierung griff die Armee tagelang kurdische Stadtteile Aleppos an. Ziel war die kurdisch dominierte Syrian Democratic Forces. Nach schweren Angriffen kam es zu einer begrenzten Waffenruhe sowie zur Einrichtung eines Korridors für den Abzug kurdischer Einheiten.
Aleppo gehört zu den ältesten Städten der Welt und wurde im syrischen Bürgerkrieg insbesondere durch den sogenannten Islamischen Staat massiv zerstört. Seit April 2025 steht die Stadt unter Kontrolle der neuen syrischen Regierung. Nun ist sie erneut Brennpunkt eines Machtkampfes, in dem das Regime seine autoritäre Herrschaft über das gesamte Staatsgebiet ausdehnen will.
Für die Regierung Al Sharaas geht es um die Durchsetzung zentralstaatlicher Kontrolle. Für die SDF geht es um die Verteidigung der Rojava Revolution, eines Projekts demokratischer Selbstverwaltung, das Gleichberechtigung, Säkularität und kollektive Organisation praktisch erprobt hat.
Integration bedeutet Entmachtung
Auslöser des aktuellen Konflikts ist der Streit um die Eingliederung kurdischer Institutionen und bewaffneter Kräfte in den syrischen Staatsapparat. Ein entsprechendes Abkommen aus dem März 2025 wurde nie umgesetzt. Zwar zog sich die SDF im April aus Aleppo zurück, doch verblieben die Asayî Sicherheitskräfte zum Schutz der Zivilbevölkerung.
Was das Regime als Integration bezeichnet, ist in Wahrheit die Auflösung demokratischer und revolutionärer Strukturen. Die Forderung der SDF, als autonomer Block innerhalb einer gemeinsamen Armee zu agieren, widerspricht dem Machtanspruch Al Sharaas und wird daher militärisch bekämpft.
Krieg gegen die Bevölkerung
Die kurdischen Stadtteile Şêxmeqsûd, Eşrefiyê und Benî Zêd wurden gezielt angegriffen, selbst durch Drohnen mit Sprengstoff. Wohnhäuser, Krankenhäuser, religiöse Einrichtungen sowie Wasser und Stromversorgung wurden zerstört. Der Kurdistan Nationalkongress erklärt, dass sich die Angriffe fast ausschließlich gegen Zivilistinnen und Zivilisten richten, darunter viele Kinder.
Bis zum 8. Januar wurden elf Todesopfer und 62 Verletzte gemeldet. Rund 50.000 Menschen wurden in die Flucht getrieben. Syrische Behörden fordern offen die Umsiedlung der Bevölkerung. Mit der islamistisch fundamentalistischen HTS, der Nachfolgeorganisation eines Al Qaida Ablegers, operieren Kräfte, die bereits früher Terror über Aleppo brachten.
Minderheiten als Zielscheibe der Herrschaft
Die Angriffe auf Aleppo stehen in einer Reihe mit Überfällen auf Alawitinnen, Alawiten sowie Drusinnen und Drusen in anderen Landesteilen. Al Sharaa setzt systematisch auf die Unterdrückung ethnischer und religiöser Minderheiten, um seine Macht zu festigen.
Der Unterschied zu früheren Massakern liegt darin, dass das Regime es in Aleppo mit einer gut organisierten SDF zu tun hat und internationale Aufmerksamkeit vermeiden will. Waffenruhen und Abzugskorridore dienen dabei vor allem der Kontrolle der Berichterstattung, nicht dem Schutz der Bevölkerung.
Imperialismus und falsche Partner
Das neue syrische Regime agiert als verlängerter Arm regionaler Mächte, insbesondere der Türkei. Der bürgerlich demokratische Schein, den Al Sharaa international pflegt, verdeckt nicht, dass Minderheiten und LGBTI weiterhin verfolgt werden.
Die SDF war lange eng an die USA gebunden, zunächst im Kampf gegen den Islamischen Staat, später gegen das Assad Regime. Mit Al Sharaa als neuem westlich akzeptierten Partner verliert die SDF für die USA an strategischem Wert. Entscheidend ist nicht Befreiung, sondern Stabilität für Kapitalinteressen und geopolitische Projekte.
Türkei Deutschland und die Konterrevolution
Die Türkei unterstützt offen militärische Angriffe auf kurdische Kräfte in Syrien. Auch Deutschland ist Teil dieser Politik. Wenn von Einbeziehung der Kurden gesprochen wird, ist ihre kontrollierte Entwaffnung gemeint. Zentrale Interessen sind Abschiebungen, Einfluss auf den Wiederaufbau und wirtschaftliche Verwertung des Landes.
Der Widerstand bleibt notwendig
Trotz politischer Brüche innerhalb der kurdischen Bewegung hält der Widerstand an. Teile der kurdischen Befreiungsbewegung außerhalb der Türkei setzen den Kampf fort, nicht nur für das kurdische Volk, sondern für alle unterdrückten Völker Westasiens.
Rund 50.000 Kämpferinnen und Kämpfer der SDF stehen weiterhin außerhalb Aleppos bereit. International wächst die Solidarität. In zahlreichen Städten Europas und Kurdistans gehen Menschen auf die Straße.
Der Angriff auf Aleppo ist ein Angriff auf Selbstverwaltung, auf Demokratie von unten und auf jede Perspektive gesellschaftlicher Befreiung. Unsere Antwort kann nur internationalistische Solidarität und entschlossener Widerstand sein. RoterMorgen wird weiter berichten!
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