Books and films about Dean/Bücher und Filme über Dean

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Umworbener Klassenfeind

Umworbener Klassenfeind

Das Verhältnis der DDR zu den USA

Uta Balbier, Christiane Rösch (Hg.), Ch. Links Verlag, 2006

In Victor Grossmans Kapitel über die Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche wird Dean Reed erwähnt.



Die Vereinigten Staaten von Amerika stellten für die DDR-Propaganda die Verkörperung der imperialistischen Bedrohung dar. Bis zum Ende der DDR gab es weder ein Handels- noch ein Kulturabkommen mit Washington, doch unterhalb der Staatsebene setzte sich im kulturellen und privaten Bereich die Begeisterung für den American Way of Life durch. Vor allem Jugendliche hörten amerikanische Rockmusik und trugen Blue Jeans, in den Kinos der DDR hielten Hollywood-Blockbuster Einzug. In den 1980ern versuchte dann auch Erich Honecker, eine Einladung in die USA zu bekommen und die Beziehungen allmählich zu normalisieren.

Die Autoren dieses Sammelbandes beleuchten die unterschiedlichen Facetten der bilateralen Beziehungen zwischen der DDR und den USA bis 1989 und behandeln dabei die staatlichen Kontakte genauso wie die Begegnungen von Wissenschaftlern, Künstlern und Kirchenvertretern.

Ch. Links Verlag

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Aus dem Vorwort:

[...] Dagegen war das Interesse der USA an der DDR umgekehrt gering. Zwar konkurrierten auch in den USA alternative Wahrnehmungen des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates. Doch das offizielle Bild, das geprägt war durch den Antikommunismus der McCarthy-Jahre, die Berlin-Krise und die Todesopfer an der Mauer, blieb immer dominant. Lediglich im linken politischen Spektrum regte sich teilweise Bewunderung für die Widerstandkämpfer, die den Nazis getrotzt und den sozialistischen deutschen Staat aufgebaut hatten. Solche Amerikanerinnen und Amerikaner, die in den USA ständig unter Kommunismus-Verdacht überwacht wurden, präsentierte die DDR-Führung als Staatsikonen. Dean Reed, Perry Friedman und Angela Davis sind nur die bekanntesten Beispiele dieses intellektuellen und kulturellen West-Ost-Tourismus, der wie in den ersten beiden Fällen gar in West-Ost-Migration endete. Andere Beispiele sind Menschen wie Victor Grossman, die in den 50er Jahren als amerikanische Soldaten in die DDR desertierten. [...]


Amerikanische Gäste
(Victor Grossman: Sauerstoff im stickigen Leipzig)

Kaum überraschend war zwischen 1964 und 1975 der Krieg in Vietnam eines der zentralen Themen. Während der Filmwoche in Leipzig fand dazu häufig ein "anti-imperialistischer Abend" statt, an dem mindestens ein oder zwei Vietnam-Filme gezeigt wurden. Im November 1971 trat ein bemerkenswerter Amerikaner auf: Dean Reed, ein Schauspieler und Rock'n'Roll-Sänger aus Colorado. Er war mit einem Film aus Chile über sich selbst angereist. Reed, der als Popsänger nach Südamerika gereist war, hatte angesichts der Armut, die er dort erstmalig erlebt hatte, einen starken Sinn für den Kampf gegen Ungerechtigkeit entwickelt und war so zum Aktivisten geworden. Beispielsweise hatte er kurz vor den Wahlen 1970 vor der US-Botschaft in Santiago de Chile die US-Flagge nicht verbrannt, wie etliche Vietnamkriegsgegner es in den USA taten, sondern sie in einem Kübel "gewaschen", um sie von dem Dreck und dem Blut zu befreien, die ihr anhafteten, wie er sagte. Er wurde daraufhin verhaftet. Davon erzählte der Film.

Doch außer dem Film waren auch Reeds Lieder beim anti-imperialistischen Abend im Capitol-Theater ein sofortiger Erfolg. Allein die Überraschung, einen so hübschen Burschen - wie aus einer Filmzeitschrift - in der sehr linken Ecke zu finden, hatte einen starken Nachhall. Dean sang auch bei einer "Messe der Meister von Morgen", einer Ausstellung der Erfindungen von Jugendlichen, wurde zu Auftritten in Potsdam und vor die Fernsehkameras nach Berlin eingeladen - und etwas später zu verschiedenen Spielfilmrollen bei der DEFA. Da ich ihn schon kurz nach seiner Ankunft in Berlin kennen gelernt hatte, war ich anfangs oft sein Dolmetscher.

Im gleichen Jahr in Leipzig waren auch andere interessante Amerikaner anwesend. [...]

In Vietnam bombardierten zu dieser Zeit US-Flugzeuge regelmäßig den Norden und gossen ihr Agent-Orange-Gift über die Wälder des Südens, wo US-Soldaten Dörfer verbrannten und Zivilisten erschossen Die Emotionen und Reaktionen in der gesamten Welt waren äußerst stark. In Leipzig äußerte sich das Publikum besonders bestürzt, nachdem es die Filme der Vietnamesen gesehen hatte. Diese zeigten Szenen des Tötens, aber auch des Widerstandes. Unvergessen sind die bewegenden Bilder von jungen Frauen, die ihre mit Munition und Proviant schwer beladenen Fahrräder durch die Urwaldwege des "Ho-Chi-Minh-Trails" schoben.

Irgendjemand, vielleicht sogar ein Amerikaner, schlug eines Abends vor, die Vietnamesen mit einer Blutspende aller gewillten Teilnehmer zu unterstützen. Das hätte aber innerhalb des nächsten Tages geschehen müssen. Nur war es schwierig, eine solche Aktion so schnell zu organisieren, und die amerikanischen Teilnehmer trafen sich daher spät abends, um sich einen möglichen alternativen Symbolakt auszudenken.

Das Thema war ernst, doch über dieses Treffen muss ich noch heute lächeln. Es fand im Hotelzimmer des Festivalchefs Wolfgang Harkenthal statt, eines wort- und fremdsprachengewandten Leiters, der mit allen gut auskam, an diesem Abend aber seine Not hatte. Denn Allen, Hitchens, Myerson, Cole und vor allem Alvah Bessie waren zwar stark engagierte Linke, die es mit Vietnam ernst meinten, doch sie waren auch kritisch, etwas abgebrüht und sarkastisch. Und sie konnten sich auch über Dean Reed lustig machen.

Am Vortag, als der junge, hübsche Reed ins Hotelfoyer kam, umringt von bewundernden jungen Frauen (eine sollte bald seine Ehefrau werden), hatte der vollglatzige alte Lester Cole etwas säuerlich den ebenso vom Alter gezeichneten Bessie gefragt: "Schön wäre es ja, hübsch wie Dean zu sein, nicht?" Worauf Bessie kurz geantwortet hatte: "Ja, das ist es!"

Nun sollten sie sich aber gemeinsam mit Reed ein Manifest und eine Alternative zu der Idee einer kollektiven Blutspende ausdenken. Der begeisterungsfähige, aber ein wenig naiv erscheinende Dean schlug eine Idee nach der anderen vor: "Wenn es mit der Blutspende nicht klappt, könnten wir den vietnamesischen Vertretern eine Friedenstaube überreichen", schlug er vor. Dagegen wurden jedoch sogleich mehrere Einwände geäußert.

"Vielleicht", meinte Reed daraufhin, "könnten wir an der Peripherie Leipzigs jungen Leuten schwer beladene Fahrräder in die Hand geben, die sie zum Capitol führen so wie die jungen Frauen in Vietnam." Das wurde erst recht mit sarkastischen Einwänden abgelehnt, wie auch die nächsten, ähnlichen Vorschläge, bis einer von der Gruppe sagte: "Nein, Dean, das beste wäre, du gehst auf die Bühne, nimmst dort eine Taube und überreichst dann etwas von ihrem Blut!" Alle lachten - außer Dean - und gaben den Versuch auf. Ein scharf geschriebenes Manifest haben wir aber dennoch zusammengestellt.

[...]

Deutschlandfunk, 09.10.2006, 19:15 Uhr

Die DDR und das Zentrum des Kapitalismus

Uta Balbier und Christiane Rösch (Hg.): "Umworbener Klassenfeind"

Von André Bochow

Der Standort der Deutschen Demokratischen Republik in der Weltstaatengemeinschaft war eindeutig: an der Seite des ersten sozialistischen Landes der Erde, an der Seite der UdSSR. Gleichzeitig bemühte sich Erich Honecker jedoch um einen guten Draht nach Washington. "Umworbener Klassenfeind. Das Verhältnis der DDR zu den USA" ist denn auch der Titel einer Neuerscheinung aus dem Christoph Links Verlag.

Walter Ulbricht (Rede auf der 2. SED Parteikonferenz 1952):

"Die Welt ist in zwei Lager gespalten: in das Lager des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus und in das Lager des Imperialismus. Dementsprechend haben sich in der Welt zwei Hauptanziehungszentren entwickelt. Einerseits die Sowjetunion als das Zentrum der Länder des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus sowie aller um ihre Befreiung Kämpfenden, Ausgebeuteten und Unterdrückten und andererseits die USA als das Zentrum der kapitalistischen Regierungen, der Kriegshetze, der reaktionären und ausbeuterischen Elemente in der Welt."

John F. Kennedy (1963 vor dem Schöneberger Rathaus):

"All free men, wherever they live are citizens of Berlin. And therefore as a free man I take pride in the words: Ich bin ein Berliner."

So war das zwischen der Sogenannten und dem Land, das sich selbst für Amerika hielt. Walter Ulbricht beschrieb auf der zweiten SED-Parteikonferenz 1952 den mächtigen Feind und John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus elf Jahre später, dass den Westen im Osten nur Westberlin interessierte. Wozu also über dieses Nichtverhältnis ein Buch herausbringen?

"Im Grunde genommen, weil wir einen ganz neuen Forschungstrend haben im Moment. Und wir fragen also ganz stark nach den unteren Ebenen unterhalb der Diplomatie. Auf der diplomatischen Ebene war die DDR für die USA absolut uninteressant. Die DDR wollte unbedingt anerkannt werden, musste unbedingt anerkannt werden - aus diplomatischen Gründen - aber das ist eigentlich nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, dass die DDR ganz schnell begriffen hat, also die DDR Staatsführung, dass sie im kulturellen und gesellschaftlichen Bereich auf unterschiedlichen Ebenen diese diplomatische Anerkennung forcieren kann."

So sieht es Uta Balbier, die Mitherausgeberin von "Umworbener Klassenfeind". Im Vorwort behaupten die Herausgeber, das Verhältnis zwischen den USA und der DDR sei keine Fußnote der Geschichte. Bewiesen wird das nicht. Stattdessen gibt es Interessantes, wenngleich fast schon Marginales, wie die Geschichte der Herrnhuter Brüdergemeinde.

"Man kann also sehr schön, gerade an dem Beispiel der Herrnhuter zeigen, wie sich eine gesellschaftliche Gruppe Freiraum in der Diktatur erkämpft, und das eben ganz bewusst macht, wie aber auch die Staatsführung sofort erkennt, dass dadurch, dass sie diesen Freiraum zulässt, eben auch im Grunde genommen ihr Verhältnis zu dieser Religionsgruppe verbessern kann. Also das zeigt ganz zentral, dass man über das Verhältnis bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zu ihren Partnergruppen in den USA zeigen kann, wie das Aushandlungsverhältnis in der Diktatur funktioniert."

Für einen größeren Teil der DDR-Bevölkerung weitaus bedeutender als die Herrnhuter waren US-Amerikaner wie Paul Robeson, Angela Davis und Dean Reed. Diese Namen tauchen eigentlich nur in einem Beitrag von Victor Grossman über die Leipziger Dokumentarfilmwochen auf. Angela Davis, damals Kommunistin, Bürgerrechtlerin, beinahe zum Tode verurteilt, landete nach ihrem Freispruch in Berlin-Schönefeld.

"Angela betritt den Boden der Deutschen Demokratischen Republik. Angela, sie lebe hoch."

Angela Davis:

"Es ist für mich ein wundervolles Gefühl, hier in Berlin zu sein. Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet."

Dean Reed, Ex-Popstar aus den USA, strandete in der DDR und scheiterte da auch. Dazwischen war er der gut aussehende Freiheits- und Friedenskämpfer aus den USA, der auch die Beziehung zu dem Chile bewahrte, das mit Hilfe der CIA weggeputscht wurde.

Dean Reed (aus einem DT64-Interview 1983):

"Ich habe es geschafft, zweimal aufzutreten. Einmal für die Bergarbeiter, einmal für die Studenten, bevor die Geheimpolizei mich gefunden, verhaftet und rausgeschmissen hat. Ich hab die große Ehre gehabt, zweimal Venceremos gesungen zu haben. Das war das erste Mal nach zehn Jahren des Faschismus, dass jemand Venceremos öffentlich gesungen hat."

Chile 1973, der Vietnamkrieg, die Lateinamerikapolitik der USA, früher die Apartheid - wie viel Antiimperialismus musste da verordnet werden. Eine Schwäche des Buches "Umworbener Klassenfeind" ist: Über das, was man in der DDR wirklich dachte, wenn es um die USA ging, erfährt man wenig. Die Herausgeberin nennt einen Grund.

Balbier:

"Uns fehlen die Daten. Das empirische Material ist so schwierig. Es ist auch ganz schwierig für einen Historiker von 'der' DDR-Bevölkerung zu sprechen. Die gab es nicht."

"Es kommt auf jeden Fall zu kurz, dass es auf jeden Fall auch in der DDR eine nicht politisch geleitete Friedensbewegung gab, die sich aus genau den Gründen formiert hat, aus denen sich auch die westdeutsche Friedensbewegung formiert hat. Geleitet von einem Amerikabild, dass durch die Bilder, die wir aus Vietnam bekommen haben, die man aus Südamerika bekam, keiner weiteren Propaganda mehr bedurfte."

Eine Stärke des Buches ist der vielfältige Verweis auf die Bemühungen der DDR, vor allem unter Erich Honecker, über die vermeintlich Washington absolut beherrschende jüdische Lobby die Meistbegünstigungsklausel und eine Einladung für Honecker selbst zu bekommen. Als im Oktober 1988 Edgar Bronfman, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses die DDR besuchte, schien das Ziel greifbar nahe. Denn Bronfman sagte Verblüffendes. In den westdeutschen Medien war man, gelinde gesagt, irritiert.

Rundfunkbericht 18.10.1988:

"Bronfman ist sich also nicht sicher, ob die Regierungen und Völker der USA und Israels sich bewusst sind, was die DDR tut und getan hat, um den jüdischen Bürgern gerecht zu werden und an den Holocaust zu erinnern. Wenn die Nachricht durch ihn an die Regierungen und Völker komme, würden die Reaktionen sehr positiv sein und die Beziehungen sich sehr gut entwickeln. Vom jüdischen Standpunkt aus sehe er keinen Grund, warum Washington der DDR nicht die Meistbegünstigungsklausel im Handel einräumen und nicht auch eine Einladung an Staats- und Parteichef Honecker aussprechen solle. Im Moment allerdings blockiere der Wahlkampf in den USA jede politische Entscheidung. Er hoffe aber, dass, wer auch gewählt werde, positiv zur DDR stehen werde."

Allein es nützte nichts. Der Einfluss von Bronfman war nicht so groß wie Honecker dachte, aus Sicht der DDR wurde der falsche Präsident gewählt, dann ging die DDR unter. Und der Untergang war wahrscheinlich noch das, was am meisten in den USA interessierte.

Balbier:

"Was mich wirklich überrascht hat, das sage ich ganz ehrlich, auch wenn es eigentlich das Offensichtlichste ist, ist, wie wenig von Seiten der USA gekommen ist. Jetzt kann man natürlich sagen: Okay, die DDR war sehr, sehr klein aus Sicht der großen USA. Aber auch aus den Reihen der Bürgerrechtsbewegung, aus den Reihen der Linken, der Friedensbewegung, die ja doch teilweise sehr, sehr stark war, gerade im Zuge des Vietnamkrieges - auch da sind viel weniger Kontakte zu Tage gekommen oder andiskutiert worden als ich mir das eigentlich vorgestellt hätte."

Eigentlich widerspricht Uta Balbier sich selbst. Das Buch "Umworbener Klassenfeind" beschreibt eben doch eine Fußnote. Aber eine interessante. Über Filme, Bücher, Wissenschaftleraustausch, die Wirkung von Popmusik, Jeans und der ostdeutschen Diplomatie erfährt man in dem Buch einiges. Über das ambivalente Verhältnis der Menschen aus der DDR zu den USA leider fast nichts. Ein zweiter Band muss also her.

Uta Balbier und Christiane Rösch(Hg.): Umworbener Klassenfeind. Das Verhältnis der DDR zu den USA. Ch. Links Verlag, Berlin 2006, 250 S., 24,90 Euro

www.dradio.de/dlf/sendungen/politischeliteratur

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Letzte Änderung: 2010-01-31