Neue Zeit 15.04.1972

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Getragen von Wogen der Sympathie

Begegnungen mit dem amerikanischen Sänger Dean Reed in Moskau und anderswo

Begegnungen mit dem Schauspieler und Sänger, Vertreter des "anderen Amerika", gab es mehrfach, seit er im letzten Herbst als Delegierter des Weltfriedensrates zur Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche erstmals in die DDR kam. Begegnungen mit Jugendlichen, Studenten, Filmschaffenden aus aller Welt, die den progressiven, so sympathischen Künstler schätzen. Eindeutig ist seine "Sprache", seine Parteinahme, die wir auch bei uns am Bildschirm beeindruckend erlebten.

Wieder neu begegnete er uns in Moskau, umjubelt, bekannt dort seit Jahren als populärer Künstler und Freund. - Estrada-Theater, 19.00 Uhr. Trotz des Schildes "Ausverkauft" drängen sich viele Jugendliche und auch Erwachsene im Kassenraum. Jedem Ankömmling stürzt ein Menschenknäuel mit Kartenwünschen entgegen. Olga, meine 17jährige Begleiterin, und ich besaßen jene begehrten "Schlüssel" zum Saaleingang für das letzte von zwölf Konzerten dieses Moskau-Gastspiels von Dean Reed.

Seit Jahren schon gewann er auf wochenlangen Tourneen durch die UdSSR die Herzen der sowjetischen Menschen, auch durch Funk, Fernsehen und Schallplatten (bis zu sieben Millionen). Ob in Tbilissi, Kiew, Wolgograd, Moskau - stets bietet sich das gleiche Bild wie jetzt hier im Estrada-Theater: Stürmische Begrüßung bereits zu Beginn des Programms, als der Künstler mit herzlicher Wärme und Natürlichkeit sein Publikum begrüßt. Überraschend in der thematischen Breite und Vielgestaltigkeit: Songs, Schlager, Protestlieder, lyrisch, dann wieder hart im Rhythmus, besinnlich im Text, aussagestark, engagiert... "So vielseitig wie das Leben" mit Liebe, Leid, unbekümmerter Heiterkeit, Tempo und jugendlichem Rhythmus.

Durch sehr persönliche Kommentare zwingt Dean Reed die Zuhörer zum Mitfühlen und -denken, zur Parteinahme für soziale Gerechtigkeit. Wieder fesselt er durch die "Sommerromanze", einst Titel Nr. 1 während seiner Rock'n'Roll-Star-Zeit 1960 in Südamerika, daneben steht - jenem Stil angelehnt - "Elisabeth", hart im Rhythmus. Im "Country Boy" singt er von dem armen Jungen, der durch das Gold der Sonne, durch das Silber der Sterne reich ist. Text und Musik sind Eigenschöpfungen, in denen Naturnähe der eigenen Jugend in den Colorado-Mountains nachklingt. "Jericho", der Song, der auf den Straßen bei Demonstrationen mit Menschen aller Hautfarben erklingt, gehört zum Programm, auch "Gloria" und das sowjetische Kinderlied "Immer lebe die Sonne".

Die Brücke zwischen Interpret und Publikum ist von der ersten Minute an geschlagen. Dean spricht mit den Anwesenden teils russisch, teils englisch (von der Dolmetscherin assistiert) wie zu alten Bekannten, kommt von der Bühne in den Zuschauerraum beim Singen. Im Rhythmus klatschen alle, als er singt: "Wir sind die Revolutionäre, leben, wie Lenin uns lehrte..."

Unbeschreiblich die Resonanz seiner Lieder. Jugendliche sausen mit impulsiver Natürlichkeit auf die Bühne, überreichen Blumen, Souvenirs, Zettel mit Liedwünschen.

Nach langem herzlichem Applaus und dem Sturm der Autogrammfreunde gelangt er schließlich in seine Garderobe. Er ist glücklich und traurig zugleich. Glücklich, weil er sich bei den sowjetischen Menschen heimisch fühlt, traurig, weil er sie verlassen muss. Wenige Tage danach nimmt er in Warschau an einer Kommissionssitzung des Weltfriedensrates teil.

Ein Riesenblumenpaket im Arm, so erscheint er am Theaterausgang. Polizeiketten schützen den Künstler vor der allzu stürmischen Liebe und Begeisterung seiner Anhänger. Hunderte rufen im Sprechchor: "Dean, Dean, Dean."

Autogramme durch die Autoscheibe

"Jeden Abend war das so, nicht nur heute zum Abschied", sagt er schmunzelnd, ohne Eitelkeit, als wir im Auto sitzen. Rotes Licht an einer Straßenkreuzung. Aus dem benachbarten PKW stürzt ein Mann, klopft an die Scheiben. "Hallo, Dean, Dank für den Abend..." Und wieder ein Autogramm. Vor dem Hoteleingang dasselbe... Abend für Abend war es so. Dean Reed strahlt wie ein Kind, ist glücklich, dass er Freude geben konnte, dass er verstanden wurde.

Über seinen Weg, der ihm mitten im Studium der Mineralogie auf sensationelle Art einen Siebenjahresvertrag der "Capitol"-Schallplattenfirma in Hollywood brachte, wurde schon manches berichtet, über den Sänger, der auch im Film hervorragende Erfolge hatte. Uns interessierte seine Wandlung zum progressiv Handelnden, Denkenden. Er berichtet:

"Sehr bald erkannte ich das Elend, die Ungerechtigkeit, beispielsweise den krassen Unterschied zwischen den Besitzenden und den Unterdrückten in Südamerika, wurde Schritt für Schritt 'wach', lernte Spanisch, um die Menschen zu verstehen. Immer wieder sang ich in Südamerika, monatelang in Mexiko, Peru, Venezuela, Brasilien, ein Jahr in Chile, ein Jahr in Argentinien. Die Menschen begeisterten mich. Ich ging mit ihnen auf die Straße, wo immer es notwendig war, demonstrierte mit ihnen gegen den Vietnamkrieg, für den sozialen Fortschritt..."

Nach seiner Teilnahme am Weltfriedenskongress in Helsinki 1965, wo Dean Reed erstmals sowjetische Freunde fand, Persönlichkeiten wie Boris Polewoi, Ilja Ehrenburg, Nikolai Tichonow, auch Valentina Tereschkowa begegnete, war er in Argentinien, seinem damaligen Wohnsitz, "unerwünscht". "Mit Valentina machte ich in Helsinki ein Fernseh-Interview, das ich dem argentinischen Fernsehen mitbrachte und das auch gesendet wurde", erzählt er. Der eindeutig progressive Inhalt hatte die Beschießung seines Heimes zur Eolge, wŁtende Briefe an Fernseh- und Rundfunkdirektionen mit der Forderung, ihn nie mehr zu beschäftigen.

Er zog nach Rom. Auch dort beteiligte er sich wieder an Aktionen, Demonstrationen. Er wurde verhaftet, als er am Botschaftstor neben amerikanischen Diplomaten und dem Polizeichef Roms "Eviva Ho chi Minh" ausrief, um eine Demonstration gegen Vietnam vor der Botschaft zu bekräftigen.

Die Folge: Berufsverbot für sechs Monate - ausgerechnet in einer Zeit, als die kleine Tochter zur Welt kam. "Nur durch die Hilfe von Freunden konnte ich den Klinikaufenthalt bezahlen für meine Frau."

Wir sprechen über seine Heimat, die er liebt. Leidenschaftlich verurteilt er die entsetzlichen Verbrechen der USA-Regierung. "Gerade weil ich mein Land liebe, muss ich immer wieder dagegen auftreten... Es ist eine Schande vor der ganzen Welt und ähnelt den Verbrechen der Nazis von einst."

In Chile wusch er vor der USA-Botschaft das Sternenbanner, "beschmutzt vom Vietnamkrieg und von Rassendiskriminierung". Er wurde verhaftet danach, auch 1971 in Argentinien, wohin er nach vier vergeblichen Versuchen illegal einreiste. "Ich war ein unbequemer Häftling, denn es gab eine Protestwelle, so dass man mich nach 21 Tagen entließ. Aber der Sinn war damit erfüllt, dass sich plötzlich bisher passive Menschen intensiv engagierten für die Sache der Gerechtigkeit und des Fortschritts."

Glücklich macht es ihn - wie er uns im Moskauer Hotelzimmer berichtet -, dass er offiziell zu einem der 25 Mitglieder ("aus 120 Ländern, man stelle sich das vor") der Kulturkommission des Weltfriedensrates berufen wurde.

Wir hören von Filmplänen in den USA, in Italien, in der DDR, lesen Gedichte von tiefer Poesie, Artikel, Filmmanuskripte aus seiner Feder. Wann wohl macht er schöpferische Pausen?

Telefonanrufe unterbrechen immer wieder unsere Gespräche. "Gehst du mit uns tanzen? Kommst du mit zum Schwimmen? Wir laden dich zum Meeting ein." Unbekannte Jugendliche waren es. Und: "Würden Sie meiner Mutter, die heute 70 Jahre als ist und Sie nie sehen kann, 'Maria' vorsingen?" Er schmunzelt und singt. Kein Wunder, wenn er sich in diesem Land zu Hause fühlt.

Beim Abschied ein herzliches Aufwiedersehen. Im Herbst wird er wieder bei uns in der DDR sein.

Ingeborg Stiehler

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Letzte Änderung: 2013-07-12