NBI 11/1978 (Neue Berliner Illustrierte, Wochenzeitschrift)

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Der Feddajin mit der Gitarre

Der Schauspieler und Sänger Dean Reed war zu Gast bei den Kämpfern der palästinensischen Befreiungsbewegung. Über seine Erlebnisse im Süden Libanons berichtet er exklusiv für NBI.

Wir sitzen in einem alten Steinhaus, das zu einem Bunker umgebaut worden ist. Hier befindet sich das Hauptquartier der militärischen Einheiten der PLO in Südlibanon. Es ist Abend geworden. Wir trinken stark gesüßten Tee, "Palästina-Whisky", wie meine Freunde von der Befreiungsbewegung sagen. Immer wenn ein Feddajin eine der kleinen Tassen ausgetrunken hat, sagt er: Benasser! Das heißt: Auf den Sieg! Als mich Kommandeur Bilal, ein in Vietnam und Algerien ausgebildeter Kommandeur, bittet, etwas zu singen, überlege ich nicht lange. Auch diejenigen Feddajin, die Englisch nicht verstehen, kennen die Bedeutung des Liedes. Ich singe: We shall overcome. Wir werden siegen.

Der abendliche Frieden ist nicht von Dauer. Während ich singe, wird Artilleriefeuer laut. Die Grenze zu Israel ist nicht weit. Zuerst hören wir die Einschläge östlich von uns, in den Bergen, dann beginnt der Feind auch im Westen, an der Küste zum Mittelmeer, zu schießen. Das Funkgerät zwitschert. Einer der Feddajin spricht in schnellem, gutturalem Arabisch irgendwelche Befehle. Dann ist wieder Stille. "Sing weiter, Bruder Dean", sagt Bilal.

In dieser ersten Nacht im Kampfgebiet schlafe ich nicht gut. Mehrmals werde ich wach. Einmal glaube ich Hundegebell zu hören und denke, eine israelische Patrouille ist unterwegs aufgestöbert worden. Doch die Feddajin neben mir schlafen ruhig, und ihre Waffen bleiben unbenutzt. Die Posten draußen vor dem Bunker lassen nichts von sich hören.

Am nächsten Tag fahren wir zur Frontlinie. Von einem Hügel aus können wir auf die Stellungen der Phalangisten hinabschauen. Diese Kampftruppen der reaktionären libanesischen Großbourgeoisie, die vor Jahren den blutigen Bürgerkrieg entfesselt haben, werden seit langem von den Israelis mit Waffen und Munition versorgt. Die Reaktion hat sich organisiert, um den Fortschritt in Nahost aufzuhalten. Ihr Kampf richtet sich vor allem gegen die Palästinenser. "Zieh den Kopf ein, Bruder Dean", sagt Kommandeur Bilal und drückt mich hinter eine aus Feldsteinen aufgebaute Deckung. "Die Scharfschützen drüben schlafen nicht. Jeden Tag gibt es hier Feuerüberfälle. Sie schießen mit allem, was sie haben, mit MPis, Granatwerfern, Geschützen. Und wenn es knallt, weiß man nicht, ob einer jener arabischen Verräter den Finger am Abzug hatte oder ein Zionist."

Weite Gebiete im Süden Libanons werden heute von den fortschrittlichen, patriotischen Kräften des Landes und von hier ansässigen, einst von den Zionisten aus ihrer Heimat vertriebenen Palästinensern kontrolliert. Den Reaktionären ist es nicht gelungen, Libanon zu einem imperialistischen Stützpunkt zu machen.

Wir fahren zu einer Parade nach Sidon. Anlaß für den von Tausenden von Menschen umjubelten Aufmarsch ist die Ernennung neuer Kommandeure der PLO. Als Yasser Arafat erscheint, kommt die Menge in Bewegung. Viele wollen ihn begrüßen, ihm die Hand drücken.

Dean Reed im Waisenhaus bei Beirut

"Aj Abu Shalom" - "Unser Bruder, Vater des Friedens" wird Dean Reed auch in dem Waisenhaus bei Beirut genannt.

Während der Rede Arafats erscheint am strahlend blauen Himmel ein Flugzeug. Als es immer tiefer und tiefer kurvt, wird der blaue Sechszackstern der israelischen Luftwaffe sichtbar. Arafat weiß, was das bedeuten kann. Er beendet seine Rede, aber er bleibt ruhig und gelassen. Genauso gelassen, ohne jede Panik, beginnt die Menge den Platz zu räumen. Ich weiß, daß in diesem Augenblick die Visire der PLO-Flak auf den Störenfried gerichtet sind. Doch die Maschine dreht ab. An diesem Tag fallen keine Bomben.

Bombenangriffe sind alltäglich im Südlibanon. Ich bin gerade zu Besuch in einem Waisenhaus der PLO, das in der Nähe von Beirut liegt, als ich am aufgeregten Gespräch meiner Begleiter erkenne, daß etwas passiert sein muß. Auf meine Frage erhalte ich die kurze Antwort: "Die Zionisten haben wieder eines unserer Dörfer bombardiert."

Am nächsten Tag fahre ich mit einigen in Libanon akkreditierten Pressevertretern in die Nähe der Stadt Tyros. Wo einst das Dorf Ras el Ain gelegen hat, finden wir fast nur noch Ruinen. Wir gehen schweigend über ein Trümmerfeld. An manchen Stellen ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Hin und wieder steigt noch dünner Qualm empor.

Einer sagt, bisher seien 52 Tote gezählt worden: Männer, Frauen und Kinder, Libanesen wie Palästinenser. Es waren Bauersleute, ältere zumeist, und ihre Enkel. Hier leben keine Feddajin, höchstens, daß die kämpfenden Söhne mal zu Besuch gekommen waren. 17 Stunden lang ist Ras el Ain von israelischen Jagdbombern angegriffen worden. Die Imperialisten wollen Südlibanon zu einem Friedhof machen. Der palästinensische Widerstand soll im Blut erstickt werden.

Tags darauf bin ich wieder im Kampfgebiet. So muß man das Land hier wohl nennen, obwohl nie ein Krieg erklärt worden ist. Ich weiß nicht, ob alle Feddajin wissen, daß ich Mitglied des Weltfriedensrates bin, oder ob es die Lieder machen, die ich singe - jedenfalls nennen sie mich alle "Aj Abu Shalom". Das heißt: unser Bruder, Vater des Friedens. Ich bin ein bißchen stolz auf diesen Namen und denke darüber nach, daß wohl in keiner anderen Sprache das Wort Frieden so oft benutzt wird wie im Arabischen. Friede sei mit dir, lautet der alltägliche Gruß.

Die Feddajin haben mir eine Maschinenpistole gegeben mit zwei Patronengurten, und am Gürtel habe ich Eierhandgranaten hängen. Für alle Fälle, haben sie gesagt. Während ich in einer Flakstellung der Feddajin zu Gast bin, habe ich meine Gitarre fast vergessen. Wir stehen in vorderster Linie. Die Flak ist auf Erdkampf eingestellt. Das Dorf hinter uns ist zerstört wie so viele andere in Südlibanon. Dennoch leben noch viele Bauern hier, Libanesen und Palästinenser. Das gemeinsame Leid hat sie geeint. Die meisten tragen heute eine Waffe.

Im Niemandsland vor uns liegen die Wracks zerstörter Schützenpanzerwagen. Auch als es schon zerstört war, hat sich das Dorf zu wehren gewußt. Die Bauern haben sich Bunker gegraben und selbst Bombenangriffen getrotzt.

Der Feddajin mit der Gitarre

Die Palästinenser wollen keinen Krieg. Die Reaktion hat sie zu den Waffen gezwungen. Sie wollen, daß Juden, Christen und Moslems einträchtig miteinander leben. Als ich zum Abschluß meiner Reise mit Yasser Arafat zusammentreffe, wird mir dieser Grundzug ihrer Politik klar. Arafat ist gerade dabei, einen Brief an Sadat zu schreiben. Er beschwört den ägyptischen Präsidenten Sadat, von einer Politik abzulassen, die nur dem Imperialismus nützen kann.

Jeder hier weiß, es geht um keine fadenscheinige Pax americana, sondern um einen Frieden, der allen Völkern in Nahost und damit auch den Palästinensern das Selbstbestimmungsrecht garantiert.

Dean Reed und Yasser Arafat

Herzliche Begegnung zwischen Yasser Arafat und Dean Reed

Als mich Yasser Arafat sieht, erinnert er sich sofort an unsere Gespräche während der Weltfestspiele in Berlin. Wir brauchen keine einleitende Konversation zu machen, sondern sind gleich beim Thema: die Situation im Nahen Osten und die Solidarität. Es ist ein Uhr nachts, als wir uns verabschieden - mit großer Herzlichkeit. Und doch bin ich etwas beklommen. Ich habe eine große Verantwortung übernommen. Gemeinsam mit den Freunden von der PLO soll ich einen Film machen über den Kampf der Palästinenser. Er wird dem Widerstand von Tell Zaatar gewidmet sein, jenem von der Reaktion verwüsteten Flüchtlingslager in Beirut, das zum Symbol des opferreichen Kampfes der Palästinenser geworden ist.

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Letzte Änderung: 2007-12-07