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Lächelt Benten?

Улыбнётся ли Бентен?

Lächelt Benten?

Екатерина Шевелева
Yekaterina Sheveleva/Katarina Scheweljewa
Iskusstvo, Moscow 1969

Benten ist die japanische Himmelsgöttin der Beredsamkeit, eine der Sieben Glücksgöttinnen. Unter diesem Motto hat Katarina Scheweljewa 1969 ihre Erinnerungen an Künstler aus verschiedenen Ländern publiziert.


Chapter about Dean in Russian/Kapitel über Dean auf russisch


[Diese deutsche Übersetzung ist keine professionelle Übersetzung. Aber es sollte ausreichen, um einen Eindruck zu vermitteln, was 1969 in der Sowjetunion über Dean Reed geschrieben wurde. Wer es besser machen möchte - Hilfe ist jederzeit willkommen!]

Dean Reed

Fast gescheitert

Buch

Erstaunlich, unvorstellbar, aber ich fühle mich heute - fast gescheitert! Ja, natürlich, sie applaudieren, werfen Zettel auf die Bühne mit der Bitte, "Elizabeth", "Glory Hallelujah" oder "I want you to know" zu singen, aber nicht mit solch ungezügelter Begeisterung und mit jenem stürmischen Applaus, die die Wände aller Veranstaltungsorte erbeben lassen, wo Dean Reed auftritt.

Ich übersetze ihm die Zettel und dem Saal die Antworten, Kommentare, Witze und Erklärungen des Künstlers. Als Mitglied des Sowjetischen Komitees zur Verteidigung des Friedens stellte ich meinen Kollegen, den Mitarbeitern der Nachrichtenagentur "Nowosti", Dean Reed vor, den in Italien lebenden bekannten Sänger und Filmschauspieler, gebürtigen Amerikaner, Mitglied der Weltfriedensbewegung. Ich erzählte, dass er mit Lolita Torres im Film "Ritmo Nuevo y Vieja Ola" gespielt hat, dass der Film "Guadalajara en Verano" mit Dean in der Hauptrolle einen ersten Preis beim Filmfestival in Acapulco gewonnen hat, dass Dean Reed weiterhin aktiv im Filmgeschäft arbeitet und selbst Drehbücher für seine Filme schreibt, dass Platten mit seinen Liedern in vielen Ländern sofort ausverkauft sind, auch in der Sowjetunion...

Ich stellte den Künstler vor, blieb als Dolmetscher auf der Bühne, und dort scheiterte ich gemeinsam mit Dean, ja, sein Auftritt war fast ein Reinfall.

Ich verstehe immer noch nicht, was los ist. Im Kopf laufen, wie es manchmal geschieht, wenn du verwirrt auf der Bühne stehst, absurde Vorstellungen ab: wir hatten in die ersten Reihen die allerbesten Mitarbeiter der Agentur gesetzt. Und besonders jene Enthusiasten, die seit ein oder zwei Stunden vor Beginn des Konzerts in den Korridoren vor dem Saal im Einsatz waren, um ein Autogramm von Dean zu ergattern. Hier ist eine von ihnen. Schön. Aber... eine blauäugige Blondine! Meine Herren! Wie ist mir das nur früher nie augefallen, dass wir bei der Presseagentur Nowosti so viel mehr gute Blondinen als Brünette haben! Aber wir wissen, dass Dean Reed in eine junge Amerikanerin verliebt ist, die es nötig fand, die technischen Errungenschaften der heutigen Zeit zu nutzen und sich von einer goldhaarigen blauäugigen Schönheit in eine dunkelhaarige mit dunklen Augen zu verwandeln...

Vielleicht versagt Dean die Stimme? Vielleicht funktioniert das Mikrofon nicht? Überträgt das Lied nicht - all so was!

Und an den Wänden des Saales, in den Zimmern der verschiedenen Redaktionen von Nowosti hängen Seiten ausländischer Zeitungen und Zeitschriften mit solchen "Hüten"!

Zeitungen von 1965: "Dean Reed will Frieden", "Der 27jährige Dean Reed fürchtet sich nicht, seine Karriere zu riskieren, indem er gegen die Regierung Johnson auftritt", "Dean Reed öffnet eine Neue Welt - ihn interessiert Osteuropa", "Dean fährt zum Weltfriedenskongress nach Helsinki".

Zeitungen von 1966: "Dean Reeds Haus in Buenos-Aires aus Maschinengewehr beschossen", "Militaristen bedrohen Dean", "Dean ist gegen die Eskalation des Vietnamkrieges", "Mehr als 25.000 Fans verabschieden Dean zur Friedenskonferenz in Genf".

Zeitungen von 1967: "Dean Reed wird von russischen Fans belagert", "Dean Reed vor einem Plakat in russischer Sprache in der Nähe des Theaters, in dem er auftrat", "Dean Reed mit einer typisch russischen Mütze", "Die Russen applaudieren Dean Reed stürmisch".

In der Reportage "Dean Reed wird von russischen Fans belagert" schrieb der spanische Journalist Fuentes Guio im Frühjahr 1967 nach der ersten Konzertournee des Künstlers in der UdSSR: "Er kehrt aus aus Russland zurück. Er ist glücklich und zufrieden, wie ein großes Kind, das einen neuen Erfolg erzielt hat. Er - der amerikanische Sänger Dean Reed.
'Das war das wichtigste Abenteuer meines Lebens.'
Er ist blond, groß und schlank. Ein bisschen Angst hatte er schon, als er in die UdSSR fuhr. Schließlich war er der erste Sänger moderner Musik seines Landes, der sich den Russen vorstellen durfte.
'Ich bin zwei Monate lang in Moskau und in sieben weiteren Großstädten aufgetreten. Insgesamt habe ich 39 eineinhalbstündige Konzerte gegeben. Ich bin zufrieden und müde.'"

Die italienische Journalistin Laura de Carlini erzählte von Dean Reed im Artikel "Zwei Monate in Theatern und Konzertsälen der UdSSR": "Dean sagt, dass bis jetzt, wenn er sich an die Reise erinnert, in seinen Ohren der rasende, lang anhaltende Applaus donnert, mit dem seine Konzerte jeden Abend endeten: zweieinhalb Stunden mit nur einer kurzen 15minütigen Pause, sonst nur Lieder, Lieder und nochmals Lieder. Wunderbare Tage, schöne Städte, in denen er auftrat - Leningrad, Moskau, Tallin, Taschkent, Samarkand, Tbilissi, Baku, Odessa, Kiew." Ja. Und heute - fast gescheitert!

Ich blicke von der Bühne in den überfüllten Saal von "Nowosti", in welchen nicht nur unsere Mitarbeiter sondern auch deren Freunde und Freundinnen Einlass gefunden haben, und nachdem Dean fünf oder sechs Lieder gesungen hat, schlage ich ihm leise vor: "Erzählen Sie von Ihrem Ärger wegen Walentina, vielleicht lächelt der Saal!"

Viele bürgerliche Zeitungen veröffentlichen nur das Sensationellste über Dean Reed. Sie behaupten zum Beispiel, dass er die meisten Unannehmlichkeiten wegen der Verehrer und Verehrerinnen hat, besonders wegen der Verehrerinnen. Und in der Tat, während der Tournee in Chile beschützte den Sänger eine Gruppe von 58 Polizisten vor den Autogrammjägern. Aber die größten Schwierigkeiten, wie die bürgerliche Presse schrieb, hatte Dean Reed nicht wegen einer Frau, sondern wegen einiger Bilder dieser Frau. Wegen denen nämlich wurde auf das Haus des Künstlers in Buenos Aires dreimal aus Maschinengewehren gefeuert. Er erhielt Dutzende Briefe, deren Autoren drohten, ihn selbst zu töten und seine Frau Patricia zu entführen.

Die Fernsehgesellschaft in Buenos Aires, bei der Reed einige Sendungen im Monat hatte, erhielt eine Warnung, dass das Studio explodieren würde, wenn die Firma den Vertrag mit dem Künstler nicht auflöst. Ebensolche Drohungen wurden an die Radiosender in Buenos Aires und an die argentischen Zeitungen und Zeitschriften adressiert, welche Artikel über den Künstler publizierten.

Und als Ursache dieser Kampagne dienten lediglich einige Fotos einer Frau und ein kurzer Film über sie, den Dean Reed während seines Aufenthalts in Helsinki gedreht hatte, wo diese Frau zur sowjetischen Delegation beim Kongress der Weltfriedensbewegung gehört hatte. Wer ist diese Frau? Die Kosmonautin Walentina Tereschkowa. Dean Reed fotografierte sie, führte ein Interview mit ihr und drehte einen kurzen Dokumentarfilm über sie.

Zurückgekehrt nach Buenos Aires zeigte er Fotos von Tereschkowa und seinen Film in seiner wöchentlichen Fernsehsendung. Am nächsten Tag wurde der Künstler vom Chef der internationalen Abteilung der Polizeibehörde zum Verhör bestellt.
"Wie haben Sie diese Aufnahmen geschmuggelt?"
"In der Tasche."
"Wir haben solche Aufnahmen nie in Argentinien gezeigt und werden das auch nicht tun!"
Was die letzte Bemerkung des Polizisten betrifft, so wird augenscheinlich die Geschichte zeigen, ob die Argentinier solche Filme senden werden, wie Dean Reed sie drehte. Ich weiß, dass Dean Reed manchmal während der Konzerte, zwischen den Liedern, sehr beißend von politischer Sturheit erzählt, von fanatischen Antikommunisten und manchmal klingen in den Erzählungen des Künstlers sogar Maschinengewehrsalven und wilde Drohungen wie lustige Episoden.

Aber heute bei der Nachrichtenagentur "Nowosti" ist Dean Reed ungewöhnlich ernst und feierlich. Wieder und wieder spricht er über seine Überzeugungen:
"Die Kunst ist die stärkste Kraft der Welt, die fähig ist, den dauerhaften Frieden zu erreichen. Angst ensteht aus Unwissenheit, und in ihrer Reihe folgt der Hass, und Hass führt zu Krieg. Der Künstler, der Berühmtheit erlangt hat, ist verpflichtet, als Vermittler zwischen den Menschen aufzutreten. Nur ein guter Mensch kann ein großer Künstler werden. Der Grad des Glaubens eines Menschen an das Gute und an die Gerechtigkeit bestimmt seinen Wert als Künstler!"

Und plötzlich sehe ich, dass Dean Reed die "Abschussrampe" für Worte und Lieder in diesem Saal gefunden hat, der an ein Gewächshaus erinnert, an eine Galerie von Marmorstatuen, - kurzum, etwas Schönes, aber ziemlich kühl. Nach und nach erscheinen die "Startrampen" oder "Inseln der Aufmerksamkeit"; erscheint der Wunsch, nicht nur die Lieder des Künstlers zu hören, sondern auch seine Ansichten zu erfahren.

Dean hat endlich zuhörende Gesprächspartner gefunden. Ihrer sind nicht sehr viele im Saal, aber allen wird klarer und klarer, dass Dean vor allem hierher gekommen ist, um sie zu treffen. Eine Begegnung, bei der Lieder nur gesungen werden, weil es die Logik der Argumentation, der Diskussion, des Streits erfordert. "Ein Lied muss im Herzen, im Innern geboren werden, nicht in der Kehle!" - sagt Dean. Seine persönliche Sympathie für die vietnamesischen Zivilisten, die durch amerikanische Bomben sterben, sein persönliches Gefühl der staatsbürgerlichen Verantwortung für Politik, die im Namen des amerikanischen Volkes ausgeführt wird, die Erzählungen seines Bruders Vernon Reed vom ehemaligen Dienst als Fallschirmspringer in der amerikanischen Armee, der Protest tausender Amerikaner gegen die Aggression der USA in Vietnam wurden zu Komponenten, die die Grundlage für eines der bekanntesten Lieder Dean Reeds bilden:

Trommeln ständig dröhnen
und Soldaten marschieren
der Krieg hört nicht auf

Der Mann stirbt
und die Frau weint
aber der Krieg hört nicht auf

Die Politiker lügen
Kanonen starren zum Himmel
der Krieg hört nicht auf

Die Priester beten
Verkünden Frieden und Liebe
Aber der Krieg hört nicht auf

Wir haben nicht das Recht ihnen zu sagen
welches Leben sie leben
wir müssen ihnen nur sagen
dass die Entscheidung von ihnen abhängt
dass die Entscheidung nur von ihnen abhängt

Heute sage ich dir dass mir scheint
als wollten unsere Truppen ihr Land verlassen
und die Mörder wollten ein Ende machen
und wollten das ganze beenden

In der Pause wiederholt sich die Szene, die der spanische Journalist vor einigen Monaten beschrieben hat: Dean wird buchstäblich von der Jugend überrannt, von unseren für das heutige Konzert herausgeputzten Mädchen, die offensichtlich nur einem üblichen Dean-Reed-Programm entgegenfieberten. Jetzt verlangen sie erneut Autogramme des Künstlers und bestellen Lieder für die zweite Programmhälfte. Die Dolmetscherin Dean Reeds, die ich heute nolens volens ersetzt habe, ist ein Beispiel an Ausdauer. Dieses Mädchen mit hoher Stirn und wachsamen Augen lächelt fast ununterbrochen freundlich. Mir gelingt das nicht perfekt.
"Mädels!" - rufe ich. "Hättet ihr doch lieber am Gespräch teilgenommen, in das Dean euch hineinziehen wollte, und sitzt nicht da wie Statuen! Schaut mal, keinen dieser Schlager wird er singen! Er kam zu einem ernsthaften Treffen!"

Aber im Gegenteil, in der zweiten Hälfte beginnt Dean mit Schlagern. Und dann erzählt er von seiner Jugend, darüber, wie auf einer Ranch arbeitete, Pferde striegelte und am Wochenende abends den Stall reinigte, im Sommer jeden Tag, um etwas Geld zu verdienen, 12 Cent pro Stunde. Er erzählt und singt über das Mädchen, die Tochter der Besitzer der Ranch, deren Vater einen reichen Bräutigam vorzog.

Dean erzählt von seiner Frau Patricia, wie sie von einer schüchternen jungen Frau zu einer mutigen Teilnehmerin an Demonstationen und Friedensmärschen wurde. Er erzählt und singt sein Patricia gewidmetes Lied, welches er 1967 mit Erfolg im Internationalen Wettbewerb junger Sänger in Italien vortrug:

Unsere Liebe ist hoch wie die Berge
Unsere Liebe ist tief wie das Meer
Unsere Liebe ist heiß wie ein Julimittag
Unsere Liebe ist ein ewig glühender Kuss

Und wie Dean singt! Noch mehr, als in gewöhnlichen Konzerten, von denen ich auf vielen war, sowieso die üblichen Schlager mit den entsprechenden nicht sehr tiefgründigen Texten und temperamentvoller Musik sowie dem herzlichen Auftreten des Künstlers. Jedes Lied veranlasst die Leute, ihre Herzen und Seelen zu öffnen. Es erinnert die gebildeten jungen Spezialisten daran, dass es in der Welt Altersgenossen gibt, die sich durch einen Dschungel von schlechtbezahlter Hilfsarbeiten zu Universitätsdiplomen hochgearbeitet haben. Es erinnert ein gut ausgerüstetes Mädchen daran, das das wichtigste auf der Welt die Liebe ist. Diese muss man ausfindig machen im Bunten, finden im Haufen der alltäglichen Kleinigkeiten, von leichten Autogrammen bis leichten Treffen.

In einer Sekunde schaute ich auf die Hände des Künstlers und fast hätte ich geschrien vor Schreck: Deans rechte Hand war voller Blut! Er hatte sich nicht auf ein normales Konzert vorbereitet - er hatte vergessen, die Fingerkuppenschützer aufzusetzen! Noch eine Minute und der Saal sieht die von den Saiten verwundete Hand des Gitarristen. "Wir müssen Schluss machen!", flüstere ich ohne jede höfliche Intonation. Und zum Publikum: "Genossen! Dean Reed kann heute nicht mehr singen!" Eine Stimme aus dem Saal: "Nur noch eins!" Und gewaltiger Applaus. Na, das ist schon gut bekannt. So war es jedes Mal. Lange nachdem der Vorhang gefallen, das vorgesehene Konzertprogramm fast ums Doppelte überschritten, das Licht erloschen ist, ist der Saal des Moskauer Estradentheaters noch gefüllt, die Zuschauer klatschen weiter, fordern Dean Reed endlos wieder auf die Bühne.

Im Auto auf dem Rückweg ins Hotel sage ich wütend: "Sie wollten, soweit ich weiß, bei Nowosti kein normales Konzert geben. Und die Fingerkuppenschützer haben Sie im Hotel gelassen. Ich verstehe nicht, warum Sie wieder den leichten Erfolg brauchen, wenn Sie die ernsthaften Zuschauer und Gesprächspartner im Saal schon gefunden haben."

"Sie verstehen es nicht...," sagt Dean Reed düster. Etwas an dieser düsteren Aussage und dem völligen Schweigen von Deans Dolmetscherin - ist sie mit mir einverstanden oder nicht? - stachelt mich noch weiter auf. "Nun ja, wie oft haben Sie mir nicht Ihr Problem erklärt, Ihr Pech: Sie werden nicht so akzeptiert, wie Sie eigentlich sind. Sie werden nur als niedlicher, talentierter junger Mann, als 'Sugar-Boy' angesehen. Aber für Sie sind Ihr Aussehen und Ihr Talent lediglich Hilfsmittel um die Leute zu erreichen. Und heute, als Sie den Leuten Ihre Seriosität schon bewiesen hatten, begannen Sie wieder einmal, Ihre Lieder an das gewöhnliche Publikum zu richten, das Sie für einen 'Sugar-Boy' hält. Warum haben Sie sich dafür noch einmal anderthalb Stunden verausgabt und sogar Ihre Hand verletzt? Wo liegt Ihr Problem?" Dean schweigt. Dann kalt und hart: "Ja, mein Problem besteht darin, einem Menschen mehr zu geben als er von mir erwartet. Aber das Problem einiger Journalisten ist schwieriger: den Menschen zu sehen. Nicht Leute im Allgemeinen, nicht in der Abstraktion, sondern einen gewöhnlichen Menschen. Ich glaube, jeder einzelne Mensch ist interessant."

Ich stimme Dean zu. Doch wir verabschieden uns zurückhaltend vor dem Hotel. Vielleicht stieß Dean Reed zur Weltfriedensbewegung weil er sich der Verantwortung der Kunst für das Schicksal der Menschheit bewusst war und der tödlichen Gefahr, die von der Konzeption ausgeht: "Menschen sind nicht am Frieden interessiert" solange kein Krieg ist, sondern nur "einfaches" Wettrüsten.

"Vollmacht" von Ehrenburg

"Ich habe eine 'Vollmacht' von Ehrenburg! Und Alexander Kornejtschuk, der Leiter unserer Delegation, ist einverstanden!" sagte ich zu Dean Reed (als ich noch nicht wusste, wer er ist - Dean Reed) 1965 auf dem Weltfriedenskongress in Helsinki. Und Dean Reed wusste damals noch nicht, wer Alexander Kornejtschuk, Nikolaj Tichonow, Boris Polewoj, Jewgeni Fedorow, Ilja Ehrenburg sind. Man hat mir danach erzählt, wie erstaunt Dean Reed war, als er erfuhr, dass zur sowjetischen Delegation außer der ruhmreichen Walentina Tereschkowa auch die berühmte Doktorin der Kernphysik und Astronomin Alla Massewitsch gehörte, die in einigen Ländern der Welt "erste Mondbürgerin" genannt wird. Dieser Spitzname entstand schon 1957, als der erste sowjetische Sputnik startete. Spanische Astronomen überreichten damals Alla Massewitsch - einer jungen Frau mit zurückhaltenden Bewegungen und großen bewegten Augen - ein amüsantes Dokument: einen voluminösen grünen "Pass Nr. 1" für die Abreise zum Mond und den Aufenthalt dort. Über den Mond-"Pass" Alla Massewitschs und über sie selbst hat fast die gesamte Weltpresse geschrieben.

Auf der Konferenz in Helsinki war ich als Mitglied der sowjetischen Delegation in der Kommission für die Herstellung einer Atmosphäre des Vertrauens, des gegenseitigen Verständnisses und der Kooperation. Ilja Ehrenburg war im Präsidium dieser Kommission Vertreter der sowjetischen Delegation. Nach einem der heftigsten Kämpfe mit den notorischen Dogmatikern fühlte sich Ehrenburg unwohl. Krank konnte Ilja Grigorjewitsch so schnell nicht werden, jedoch beschloss er im Hotel zu bleiben und mir eine "Vollmacht" zu geben. Für mich war das ein großes Ereignis. Eine schwere ehrenvolle Bürde, die mir unerwartet auf die Schultern gelegt wurde. Die Last fremden Ruhmes, vielseitigen Talents, heroischer Erfahrungen, eines großen Lebens... Wie sollte ich auftreten? Worüber reden? "Versuche auf Alexander Kornejtschuk oder Alexej Stepanowitsch zuzugehen", schlug der politische Kommentator von Nowosti Vadim Ardatowski teilnahmsvoll vor. Ja, tatsächlich "versuche"! Die Temperatur der Streits und Diskussionen auf dem Kongress konnte man daran bestimmen, wie dicht Kornejtschuk und Alexej Beljakow eingekesselt waren, der mit ihm an der Leitung der Delegation teilnehmende gesellschaftliche Leiter, das Mitglied des Weltfriedensrates, der talentierte Publizist und Propagandist, den alle nur Alexej Stepanowitsch nannten.

Diesmal schrieb Alexej Beljakow etwas am Tisch unserer Delegation im Sitzungssaal einer der Kommissionen. Hier war es laut. Die erste morgendliche Pause. Um Beljakow herrschte achtungsvolle Stille, aber er achtet meiner Meinung nach weder auf den Lärm noch auf die Stille. Ein Stapel bekritzeltes Papier. Eine seltsame Angewohnheit - er schreibt auf zerschnittene Viertelseiten mit einer schwungvollen Handschrift. Neben Beljakow ist unser Metropolit, auch Mitglied der sowjetischen Delegation. Als Alexej Stepanowitsch abwesend auf den Metropoliten blickt, legt ihm jener eine neue Viertelseite unter und beginnt, die nächste Seite zuzuschneiden. Nicht demütig, wie es in der Kirche üblich ist, aber würdevoll. Der Zauber des Talents ist allmächtig. Von ihm gibt es keine Immunität - keine kirchliche und auch keine andere. Ich bin selbst ergriffen von der wortlosen Bereitschaft, dasselbe zu tun, was im weiteren Sinne der Metropolit tat - Alexej Beljakow zu helfen bei der Arbeit an seiner Ansprache, wenn auch nur damit, größere Seiten zu vierteln... Aber ich habe eine "Vollmacht" von Ehrenburg!

Ich stürzte los, den verantwortlichen Sekretär des Sowjetischen Komitees zur Verteidigung des Friedens, den Schriftsteller Michail Kotow aufzuspüren. Wirklich aufzuspüren! In der finnischen Hauptstadt waren ungefähr anderthalb tausend Teilnehmer aus 98 Ländern zusammengekommen. Im großen Gebäude des Kulturhauses herrscht ein bunter menschlicher Wirbel. Leopardenfellmützen, Hemden, beschriftet mit dem in aller Welt bekannten afrikanischen Wort "Uhura" - "Freiheit", kunstvolle Turbane, die gigantischen Rosen ähneln... "Mischa," ergriff ich Kotows Hand, als die Augen ihn erblickten zwischen einer Delegierten im indischen Sari und einem Delegierten im karmesinroten Fez und grünlichen Mantel, umgebunden wie "Galatea", in der ägyptischen Männernationaltracht, ähnlich einem weißen Gewand. "Michail Iwanowitsch! Ich habe eine 'Vollmacht' von Ehrenburg! Er ist krank geworden... Was soll ich sagen?" "Warum wissen Sie nicht, was sie sagen sollen, Genossin Scheweljewa?!" Wenn Michail Kotow überrascht oder gestört wird, redet er selbst enge Freunde mit Familiennamen an und siezt sie... "Warum wissen Sie nicht, was zu sagen ist? Kommen Sie raus zu dem kleinen Fenster und sagen Sie: die sowjetische Delegation bittet dringend darum, einen Arzt zu Ilja Ehrenburg ins Hotel zu schicken... Obwohl, okay! Geh zu deiner Kommission, ich hole selbst einen Arzt und fahre zu Ehrenburg!", sprach der ehemalige Frontkämpfer, der nicht nur einmal dem Tod ins Auge geblickt hatte. Michail Kotow brachte vom Schlachtfeld nicht nur Ausdauer und die Fähigkeit zu harter Arbeit, sondern auch die Fähigkeit selbstlos einen Menschen vor Gefahren zu bewahren mit. Ich erinnere mich an keinen Fall, in dem Kotow sich weigerte, einem Menschen zu helfen, der in Schwierigkeiten geraten war. Aber über meine "Vollmacht" redete ich nicht weiter mit Kotow, weil meine diesbezüglichen Gefühle offensichtlich nicht in die Kategorie "Notfall" fielen.

So kam es, dass ich letztendlich meinen Platz im Sitzungssaal der Kommission zur "Herstellung einer Atmosphäre des Vertrauens" einnahm und, stammelnd vor Emotionen, dem Nachbarn, einem jungen Menschen mit vollem blonden Haarschopf, Haarlocke in der Stirn, mit grünlich-blauen Augen im Schatten dichter Wimpern, sagte: "Ich habe eine 'Vollmacht' von Ehrenburg!" Und dann musste ich meinem Nachbarn erklären, dass der sowjetischen Delegation bedeutende Schriftsteller angehören, darunter Ilja Ehrenburg, bedeutende Wissenschaftler, darunter Alla Massewitsch, Olga Tuganowa, Grigori Morosow, Jewgeni Fedorow, berühmte Journalisten... Der junge Mann lächelte. Ein leicht verlegenes Lächeln. Ja, leider, viele kennt er noch nicht. Aber das Lächeln verschwindet - er wird sie kennen! Er ist das erste Mal auf einem solchen Kongress. Aber jetzt wird er auf solche Kongresse fahren! Er hat niemals ernsthaft studiert: zuerst verließ er Vater und Mutter, dann die Heimat. Warum? Diverse Gründe, darunter politische. Ja, er ist Amerikaner...

"Aber unsere Kommission heißt 'zur Herstellung einer Atmosphäre des Vertrauens, des gegenseitigen Verständnisses und der Kooperation'", sagte ich, daran denkend, wie schwierig es ist, eine solche Atmosphäre nicht nur auf dem Planeten, sondern schon in einem viel bescheideneren Ausmaß herzustellen. In einem kleinen Haus. In einer kleinen Familie, wenn auch einer amerikanischen. In der Tat, die zunehmenden politischen Stürme brechen nicht nur in der diplomatischen Lobby Washingtons los, nicht nur unter den Arkaden des Capitols oder in den gläsernen Gängen des riesigen Kastens der UNO in New York. Politische Stürme brechen im Kern der Vereinigten Staaten aus, an jedem heimischen Herd. Vielleicht sollte ich meinen Auftritt per "Vollmacht" mit den Worten von Antoine de Saint-Exupery beginnen - wie liebt Ehrenburg doch die Franzosen - mit dem berühmten Zitat von Exupery, dass es in der Welt keine wertvollere Beziehung gibt als die von Mensch zu Mensch? Und dann sagen, dass in der gegenwärtigen Welt an vielerlei die Beziehungen zwischen Menschen zerbrechen, Familien, Freundschaften und Gemeinschaften zerstört werden... Vielerlei, angefangen von Krieg und aufhörend bei rassistischen Vorurteilen, bürokratischen Trennwänden, ganz verschiedenen Gründen. Und dann sagen, dass die Kommission des Weltkongresses, für deren Arbeit wir verantwortlich sind, darauf gerichtet ist, die Bande der Brüderlichkeit, Freundschaft und Gemeinschaft zu behaupten und zu schützen, die Bande der menschlichen Nähe, die im Kampf um große Ideale wachsen, und die Bande des gegenseitigen Verständnisses, die manchmal spontan zwischen Menschen entstehen... Ich glaube, ich würde so auftreten und das sagen oder etwas in dieser Art, aber nicht Carlton Goodlett, der Herausgeber und Chefredakteur der Zeitung "Sun Reporter" nahm den Chefsessel ein und verkündete den Sitzungsbeginn, als Ilja Ehrenburg den Saal betrat! Es stimmt wirklich, dass ein Mensch sich selbst dazu bringen kann, gesund zu sein! Ehrenburgs Rede habe ich ungefähr mitstenografiert:

"Unsere Kommission vereint im Wesentlichen drei. Eine statt drei... Ich schlage vor, dass die Kirchenvorsteher sich versammeln und untereinander verhandeln. Sie können sich an die Gläubigen der Kirchen wenden... Richten wir unsere weitere Arbeit auf das, was uns eint, nicht darauf, was uns trennt. Das Ziel ist es, alle friedliebenden Kräfte der Welt zu vereinen. Und das muss in der Resolution stehen... Ich bewundere den heldenhaften Kampf Vietnams, unser ganzes Land unterstützt ihn mit allen Mitteln. Aber hier auf dem Kongress gibt es eine Vietnam-Kommission, die ihre Beschlüsse fasst. Genauso ist es mit den Fragen des Kampfes um nationale Unabhängigkeit. Auf dem Kongress gibt es eine Kommission für nationale Unabhängigkeit. Wir müssen jetzt über eine andere Menschheit nachdenken - angesichts der Gefahr eines totalen Kernwaffenkrieges. Man kann mir vorwerfen, die Rolle der Persönlichkeit zu übertreiben, aber die Bewegung der Friedenskräfte kann man meiner Meinung nach nicht vom Vermächtnis Juliot-Curies trennen. Ich möchte Sie an seine Mahnung erinnern. Wenn es trotz allem zur atomaren Katastrophe kommt - was wird dann sein? Wem übergeben wir das Ergebnis nach 6.000 Jahren? Am gefährlichsten sind die Illusionen. Ein Mensch, der nur geheiratet hat, um eine neue Wohnung zu bekommen, kann sich schwer vorstellen, dass er die Möbel nicht behalten kann, dass von allem nur Staub übrig bleibt... Einige Leute mit großer Macht haben weder moralische Hemmungen noch grundlegende Erkenntnisse; sie bilden sich ein, dass die Befreiung der atomaren Energie nur eine weitere Erfindung, so etwas wie eine Dampfmaschine oder ein Verbrennungsmotor sei. Ich überbrachte Ihnen die Worte Juliot-Curies, eines Wissenschaftlers, der sehr gut über die Entfaltung der Atomenergie bescheid wusste. Jetzt ist unser Hauptziel, die Kräfte zu vereinen, die für den Frieden kämpfen. In Amerika wächst die Widerstandsbewegung gegen die Politik Johnsons... Es gibt friedliebende Kräfte in der Welt, die unserer Bewegung misstrauen. Ich wiederhole, wir müssen suchen, was uns eint. Zum Beispiel die Unterstützung des kämpfenden Vietnams... Es gibt ein französisches Sprichwort: 'Der Kohlekumpel ist der Chef in seinem Haus.' Das sind wir - für das Recht der Kohlekumpel, Herr im eigenen Haus zu sein!"

Mein Nachbar applaudierte Ehrenburg als erster, und als der Applaus nachließ, rief er vom Platz aus "Frieden für Vietnam!"

Spät abends fand im runden Saal des Kulturhauses ein Meeting statt. Delegierte des Kongresses traten auf - bekannte Schriftsteller, führende Künstler, gesellschaftliche Führer. Sie forderten die Beendigung der US-Aggression in Vietnam und die Verhinderung des globalen Kernwaffenkrieges. Im Präsidium waren auch jene, die erst seit kurzem in den Reihen der Friedensbewegung waren. Ich saß in der fünften Reihe des Saales und entdeckte zwischen den Mitgliedern des Präsidiums den mir bekannten jungen Amerikaner. Er sah etwas ruhig, schüchtern und verwirrt aus. Oder war das die Konzentration, der hartnäckige Wunsch, alles um ihn herum zu verstehen?

Einer der Redner, den fast niemand kannte, begann Unruhe zu stiften, trat rüpelhaft auf und, wie man so sagt, (?) Im Saal brach Streit aus. Es regnete Einwände, Zustimmung und Proteste. Der Vorsitzende, ein ruhiger, langsamer Finne, bat den Redner vergeblich, das Reglement zu beachten. Schließlich war es mit der finnischen Geduld zuende: der Vorsitzende stieg über den Tisch und entriss dem Redner das Mikrofon.

Es war kein Lärm im Saal, sondern ein Gewitter, ein Hurrikan. In diesem Moment stand der junge Amerikaner vom Tisch des Präsidiums auf und ging auf das tobende Publikum zu, an den Rand der Bühne. Später stellte sich heraus, dass sein Gesicht vielen Delegierten des Kongresses wohlbekannt war - von Porträts in Zeitungen und Zeitschriften, von Plakaten - aber sie erkannten ihn nicht sofort: zu ungewohnt war sein schüchternes Lächeln; auf den Fotos war dieses Lächeln ganz anders - lebhaft, strahlend und auch selbstbewusst. In den Händen hielt der junge Mann eine Gitarre. Er sagte, dass er Dean Reed ist, dass seine Frau ein Kind erwartet und dass er als künftiger Vater jetzt ein Lied singen wird, das an seinen Sohn gerichtet ist. Das war ein programmatisches Lied, ein Lied über den Frieden, ein Lied über das Glück.

Ich möchte, dass du weißt, dass die Hautfarbe eines Menschen
nichts mit der Liebe zu tun hat, die er im Innern spürt.
Ich möchte, dass du weißt, dass in allen Menschen Gutes steckt.
Ich möchte, dass du weißt.

Ich möchte, dass du weißt, dass Kriege nur Leid bringen.
Dass alle Mütter weinen, wenn ihre Söhne sterben.
Ich möchte, dass du weißt, dass Leben mehr ist als nur ein Spiel.
Ich möchte, dass du weißt.

Ich möchte, dass du weißt, wenn du alt und grau bist,
dass deine Mutter und dein Vater versucht haben ihr bestes zu geben,
um euch die Wahrheit zu zeigen, tagein und tagaus.
Ich möchte, dass du weißt.

Der Saal beruhigte sich. Der Saal hörte zu. Und es war ganz klar, dass der Mensch, der dieses Lied sang, schon oft auf Volksversammlungen aufgetreten war. Es war klar, dass dieser junge Mensch in der Lage ist, einen Saal für sich einzunehmen, eine Straße, einen Platz!

Der Sekretär des Sowjetischen Komitees zur Verteidigung des Friedens, der Journalist Nikolaj Pastuchow sagte mir danach, dass er sofort entschied, mit Nikolaj Tichonow und Michail Kotow darüber zu sprechen, Dean Reed nach Moskau einzuladen.

Dean Reed bewies noch einmal in Genf 1966, auf der Tagung des Weltfriedensrates, dass er in der Lage ist, die verschiedensten Leute für sich einzunehmen. Genf ist bekannt für seinen blauen See, den verschneiten Mont Blanc, umgeben von einem Regenbogen, wenn die Sonne scheint, berühmt für üppige Rosen, elegante Hotels, Autos verschiedenster Firmen und Uhren berühmter Schweizer Marken. In allen Geschäften ticken Kuckucksuhren, Pendeluhren, Taschenuhren, Armbanduhren. So scheint es, dass ganz Genf die Minuten und Sekunden zählt, die ereignisreichen Tage unseres Jahrhunderts, die Tatsachen und Ereignisse. Es scheint, dass Genf schwer zu überraschen ist, gewöhnt an Diplomaten und Touristen, Genf, das viele das Schaufenster des Kapitalismus nennen. Aber es gab zwei Momente und Pausen zwischen den Sitzungen der Weltfriedensratstagung, als Genf ungewöhnlich erregt schien.

Einmal war es folgendermaßen. Als ich mich dem Hotel näherte, in dem die sowjetische Delegation wohnte, sah ich schon von weitem eine Menge Leute und hörte eine Stimme wie aus einem Lautsprecher, die Gedichte von Nikolaj Tichonow vorlas. Nach nur einer Sekunde erkannte ich, dass der Dichter selbst die Gedichte las - die Stimme kam aus einem offenen Fenster des Hotels. Man konnte kaum glauben, dass die Gedichte von einem hochbetagten Menschen vorgelesen wurden. Junge, starke Verse flogen durch die Straßen, durch die Stadt.

Und das andere Mal klang und schallte weit über den See und durch die Stadt ein Lied über die Kämpfe in Vietnam. Es hielten die Touristengruppen am Seeufer, es stoppten die Autos und es schien so, also ob sogar die Schweizer Uhren aufhörten zu ticken. Junge Nonnen mit schallenden Stimmen, die eine Kindergruppe irgendwohin begleiteten, froren am Ufer ein und hörten ein ungewöhnliches Lied. Es sang Dean Reed. Er sang davon, wie das vietnamesische Volk siegt, dass ein Volk, das einen gerechten Kampf kämpft, nicht besiegt werden kann. Und in diesem Moment war Genf nicht der elegante Kurort, nicht das Schaufenster des Kapitalismus, sondern wurde selbst zur Kampffront. Des Kampfes, den schon Lenin begonnen hatte, als er hier schrieb und arbeitete.

Was es bedeutet, ein Idol zu sein

In den fünfziger Jahren war, wie damals die internationale Presse schrieb, James Dean das Idol der amerikanischen Jugend, ein "Hollywood-Star", Held einiger sensationeller Kinofilme, darunter "Rebel without a cause". James Dean starb tragisch bei einem Autounfall 1955, als er gerade 24 Jahre alt war. Viele US-Zeitungen neigten zu der Auffassung, dass der tragische Tod von James Dean ein Suizid war: Über den jungen Filmschauspieler schreiben sie immer noch als typischen Vertreter seiner amerikanischen Kollegen, schon rebellisch, schon ein Aufrührer, der aber weder die Ursachen noch die Richtung seiner Aufsässigkeit versteht.

Mitte der sechziger Jahre schrieb die populäre kalifornische Zeitschrift "Insurgent"(?): "Die tragische Ironie besteht darin, dass James Dean nicht mehr erlebt hat, wie die Revolte der amerikanischen Jugend eine Richtung bekam, in den lebendigen Strom der modernen und echten Bewegung trat."

"Vielleicht ist Dean Reed der typische Vertreter der amerikanischen Jugend der sechziger Jahre, wie es seinerzeit James Dean war?", fragte einer meiner Genossen vom Komitee zur Verteidigung des Friedens. Nein, er fragte nicht, sondern er dachte nur laut. Wir kehren vom Flughafen zurück, wo wir Dean Reed nach Italien zu Dreharbeiten verabschiedeten. Vor der Abreise sagte Dean Reed, als er seine Moskauer Eindrücke zusammenfasste, dass für ihn die Gespräche mit dem Direktor des Instituts für US-amerikanische Studien, Juri Arbatow, und Treffen mit dem berühmten Journalisten Michail Sagateljan sehr wichtig waren. Bei Sagateljan war ich gemeinsam mit Dean. Der Künstler sang viel und erzählte noch nicht so bekannte Episoden seiner Biografie, zum Beispiel über die Tage Dean Reeds die er in den USA und in Argentinien verbrachte. Im Verlaufe eines solchen Tages musste der Schauspieler vor seinen Mitbürgern in ganz unerwarteten "Rollen" auftreten: an Wettkämpfen im Reiten, Laufen und Turnen teilnehmen, den Karnevalszug anführen und sogar mit dem Fallschirm abspringen. Dean erzählte uns: "Ich wollte schon springen, aber der Lehrer packte mich am Gürtel und schrie, dass ich schon einige Sekunden zu spät sei und das Flugzeug nicht mehr über dem Flughafen sei, wo die Zuschauer warteten. Und dann, als ich sprang, fühlte ich, wie der Stress mein Gesicht verzerrte. Aber ich hätte lächeln sollen, weil unten Fernseh- und Filmkameras warteten. Um es kurz zu machen, als ich sprang, schienen sich die Leinen des Fallschirms zu verheddern, so dass ich nicht mit dem Gesicht, sondern dem Rücken zu den Reportern und Kameraleuten hinunterkam. Dann versuchte ich mich mit allen Kräften zu entwirren und gleichzeitig zu lächeln!"

Dean Reed unter den Fans im Moskauer Estradentheater. Der Künstler lachte, als er all das erzählte und erklärte lachend dass er nicht schlecht für diesen Dean-Reed-Werbe-Tag bezahlt wurde. Ich begann zu denken, dass in der ausführlichen komischen Erzählung Deans ein Teil Stolz und Genugtuung in Erinnerung an die Rolle des "Idols" ist, als der Künstler plötzlich, ernsthaft werdend, Sagateljan mit Fragen bombardierte: "Ist Ihnen bekannt, dass in der Welt, in der ich lebe, Talent oft nicht sehr viel bedeutet? Nein, noch schlimmer, nichts bedeutet! Begabte Leute erregen buchstäblich den Ausbruch von Neid und Bosheit der Stümper. Talent ist viel verletzbarer als Mittelmaß, nicht wahr? Wahrscheinlich prägt die Begabung das Nervensystem, was denken Sie? Und es wird empfindlicher, feiner, verzweigter oder bornierter, engstirniger. Und das Mittelmaß ist deswegen gehässig, weil es nicht schwer ist zu verleumden, zu demütigen, Talent in den Dreck zu ziehen. Eine alte Wahrheit, nicht wahr? Darum kann es in der Welt, in der ich lebe, für ein Talent welches keine große innere Stärke hat, schädlich sein, wenn es mit anderen Mitteln für sich selbst kämpfen muss. Diese Reklame zum Beispiel. Einverstanden mit ungewöhnlicher Werbung. Einverstanden mit 'Idolen'. Und wie ist es bei Ihnen in der sozialistischen Gesellschaft, in der Sowjetunion? Werden Sie wirklich fertig mit Schmeicheleien und Bosheit? Schließlich bringt Mutter Natur unterschiedliche Menschen hervor - talentierte, nicht so talentierte und völlig untalentierte, auch neidische und gehässige Mittelmäßigkeit, deshalb folgende Frage: vielen Ihrer Künstler werden Orden, Medaillen und Titel verliehen. Alten Künstlern und ganz jungen. Aber auch zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution können Sie nicht alle auszeichnen, nicht wahr? Wie fühlen sich diejenigen, die keine Auszeichnungen und Preise bekommen? Ich erwarte Ihre Antwort nicht jetzt sofort. Ich weiß, dass ich für einen längeren Aufenthalt zu Ihnen zurückkehren muss, um Antwort auf meine Fragen zu bekommen."

"Sie müssen nicht nur das. Sie werden wahrscheinlich auch eine Zeitreise 50 Jahre zurück machen müssen. Verstehen Sie die Oktoberrevolution, schnuppern Sie ihre Luft, dann finden Sie Antworten auf Ihre Fragen", sagte der Gastgeber zu Dean Reed. Und es schien mir wie eine Reaktion auf diese Worte, als Dean Reed einen Toast auf all seine sowjetischen Freunde ausbrachte: Er bat mich, Michail Kotow, Boris Polewoj, Juri Arbatow und Oles Bobryschewod zu grüßen, sowie seine Dolmetscherinnen Swetlana, Marina und Toja, und die Freunde Julia und Nikolai. Und doch, und doch, was wird 1969 in den Zeitungen verschiedener Länder über Dean Reed stehen? Und was 1980?

Wird der junge Künstler Antworten auf seine Fragen bekommen? Wird er verstehen, dass jeder von uns die Vollmacht von jenen nehmen muss, die nicht mehr sind, die Vollmacht für die Fortsetzung des Kampfes für Gerechtigkeit und Frieden? Hat Dean Reed wirklich eine neue Welt entdeckt? Wenn es so ist, wird er sie auch anderen öffnen, so wie er selbst singt: "Liebe ist nicht nehmen sondern geben!"? Kurzum, wird Dean Reed als Künstler und Bürger reifen? Oder gibt es eine Spaltung in einen "literarischen" Helden und die reale Person? Der reale Mensch verschwände irgendwohin, ginge verloren, und zurück bliebe "Dean Reed" - das beliebte Symbol der talentierten Jugend verschiedener Länder in der großen Bewegung des Kampfes für den Frieden.

... Im Winter 1969 schickte Reed mir sein neues Lied "Somos Revolucionarios"

Wir sind Revolutionäre...
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Letzte Änderung: 2011-09-02