Sonntagsnachrichten 31.08.2010

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Film-ABC

Aus dem Leben eines Taugenichts

Nach dem Lesen der Novelle hatte ich den Eindruck, dass sie völlig statisch abläuft. Der junge Mann bei Eichendorff begreift nichts, er lernt nichts, er verändert sich nicht. Er ist am Ende nicht weiter als am Anfang. Er hat zwar einiges gesehen, begriffen aber hat er nichts. Szenen und Lieder sind sogar austauschbar. Alles endet bei Eichendorff in einer Idylle.
Celino Bleiweiß

Celino Bleiweiß wollte anno 1973 die romantische Novelle für ein (DDR-) Publikum von heute erzählen, die Gestalt des Titelhelden profilieren: Taugenichts soll zu einer Persönlichkeit reifen, die Zusammenhänge begreifen und aus dem, was ihm widerfährt, Schlüsse ziehen. Aus dem jungen Burschen soll, wenn nicht gleich ein neuer sozialistischer Mensch, so aber doch ein Mann reifen, der bewusst zu handeln versteht.

Dafür erhielten Kameramann Günter Jaeuthe und der Komponist Rainer Hornig Sonderaufgaben: Ersterer sollte in der Umgebung des Barockschlosses Ramenau bei Dresden und, für die in Italien spielenden Szenen, in den rumänischen Karpaten vor den Toren Brasovs möglichst "alltägliche" Landschaften finden, "um dem Zuschauer die Augen zu öffnen für landschaftliche Schönheiten, die gewissermaßen vor der Tür liegen" angesichts der auf den Ostblock beschränkten Reisefreiheit eine sehr nachvollziehbare Forderung.

Letzterer sollte Lieder von Eichendorff, aber auch Volkslieder und neue Werke aus der Feder von Wera Küchenmeister, unmittelbar in die Handlung einbeziehen, um diese voranzutreiben und zugleich die geistige Situation des von Dean Reed verkörperten Titelhelden widerzuspiegeln.

Dass dann alles ganz anders gekommen ist, fasste die (Ost-) "Berliner Zeitung" seinerzeit so zusammen: "Spielend, singend, reitend und liebend bezaubert Dean Reed seine Anhänger als romantischer Held in seinem ersten Defa-Film." Wie so oft in den letzten Jahren war der Anspruch der Babelsberger Filmemacher hoch und mancher Ansatz auch durchaus richtig, allein alle guten Vorsätze schienen dann bei der Realisation fallengelassen worden zu sein.

So ist die Defa-Verfilmung der 1822 begonnenen und vier Jahre später edierten Novelle, die allgemein als das bezeichnendste literarische Dokument des spätromantischen Lebensgefühls gilt, mehr als nur ärgerlich eine schnulzig-schmalzige, kitschige und alles andere als zeitgemäße Fortentwicklung der Defa-Schlagerfilme in schnurgerader Nachfolge der am gleichen Ort zur Ablenkung des arg geplagten deutschen Volkes entstandenen Ufa-Musikstreifen.

Dean Reed, der in die DDR übergesiedelte sozialistische US-Barde, durchstreift als "Taugenichts" die Lande, singt herzergreifend Lieder, mit denen er gleich zwei attraktive Frauen um den Finger wickelt mit dem schönen Westdeutschland-Import Hannelore Elsner als "Gräfin" und der jungen polnischen Schauspielstudentin Anna Dziadyk als "Die Schöne", verdingt sich als Gärtner und Zolleintreiber, ohne seine Berufung gefunden zu haben, reißt aus in den sonnigen Süden, wo er auf Rinaldo Rinaldini (Gerry Wolff) trifft, dessen Bande er sich anschließt, um dann mit seiner finalen "Großen Liebe" noch einmal von vorn zu beginnen freilich unter einem altbekannten Motto: Schuster, bleib bei deinen Leisten...

Ein kritischer Film für die DDR-Gegenwart Mitte der Siebziger Jahre? Eine Idylle in wundervoller barocker Pracht, herrlichster Landschaft und geradezu biedermeierlich-sozialistischer Ideologie: Wie herrlich kann das Leben sein, hat man nur sein geregelt' Einkommen, einen bunten Blumengarten und ein treues Hündchen. Kleine Anflüge von Stirnrunzeln etwa über die Sinnlosigkeit von bürokratischen Bestimmungen, die nur ihrer selbst wegen existieren, sind rasch wieder glattgebügelt und die Welt ist wieder so heil wie vorher.

Pitt Herrmann

Celino Bleiweiß (Buch und Regie) nach dem Szenarium von Claus und Wera Küchenmeister und der gleichnamigen Novelle von Joseph von Eichendorff
Aus dem Leben eines Taugenichts
Defa-Studio für Spielfilme, Gruppe Berlin DDR 1973


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Letzte Änderung: 2011-02-01