Ostsee-Zeitung 04.02.2009

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Der tiefe Fall des Kurt D.

Am Ende Selbstmord. Kurt Demmler, der erfolgreichste Songtexter der DDR, entzog sich einem Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs.

Berlin (OZ) Der Suizid war angekündigt. Für den Fall eines Prozesses habe Kurt Demmler (65), dem sexueller Missbrauch an sechs minderjährigen Mädchen im Alter zwischen zehn und vierzehn Jahren in insgesamt 212 Fällen zwischen 1995 bis 1999 vorgeworfen wurde, mit Selbstmord gedroht, erklärte die Anwältin eines seiner mutmaßlichen Opfer am Tag des Prozessauftaktes (22. Januar) der Nachrichtenagentur ddp. Vorgestern Nacht nun hat der bekannte Liedermacher und erfolgreichste Songtexter der DDR durch seinen Freitod in der Untersuchungshaftanstalt Moabit den gestern angesetzten zweiten Prozesstag verhindert, an dem die mittlerweile 23-jährige Hauptbelastungszeugin und drei weitere Zeuginnen aussagen sollten. Mit der daraufhin erfolgten Einstellung des Verfahrens müsste juristisch korrekt die Unschuldsvermutung gelten. Doch belastende Aussagen der mutmaßlichen Opfer waren bereits in Millionenauflage zu lesen, und schon vor sechs Jahren war Demmler wegen sexuellen Missbrauchs eines Mädchens zu einer Geldstrafe von 1.800 Euro verurteilt worden.

Das neuerliche Verfahren kam zustande, nachdem sich seit 2007 weitere Mädchen offenbart hatten. Demmler habe, so die Aussagen, junge Mädchen zu Casting-Terminen für eine neue Girlgroup in seine Wohnung gelockt, wo es auch zu sexuellen Kontakten mit den Teenagern gekommen sei. Demmler, der die neuen Vorwürfe zunächst bestritt und beim ersten Prozessbeginn dazu schwieg, wurde Anfang August 2008 verhaftet. Im Falle seiner erneuten Verurteilung hätte er mit einer mehrjährigen Haftstrafe rechnen müssen.

Obgleich der juristische Fall Kurt Demmler seit langem bekannt ist, bleiben Verwunderung und Ratlosigkeit. Umso mehr, wenn man sich erinnert, wie lebensbejahend und von utopisch-naiver Fröhlichkeit Demmlers Texte waren, mit denen er die gesamte DDR-Unterhaltungsmusik geprägt hatte. Über 10.000 solcher Gedichte hat der studierte Mediziner geschrieben, der 1976 aufgrund seines großen Erfolgs als Liedermacher freischaffend wurde. Von den Altstoff sammelnden Pionieren ("Ham se nich noch Altpapier") reicht die Palette bis zum ehrfürchtigen Raum- und Geschichtsgefühl ("Tritt ein in den Dom"). Fast alle ostdeutschen Bands und Sänger mit Rang und Namen (und viele osteuropäische) gehörten zu seinen Interpreten. Neben Renft und Karussell waren es die Puhdys und Thomas Natschinski, Silly, Lift und Karat, aber ebenso Manfred Krug oder Dean Reed (1, 2, 3), Frank Schöbel, Chris Doerk, Aurora Lacasa, Dagmar Frederic oder Gunther Emmerlich, Karel Gott, die Roten Gitarren oder Katja Ebstein. Und viele seiner Texte, bei denen man kaum an Demmler denkt, scheinen heute in Ostdeutschland Unsterblichkeit erreicht zu haben wie Nina Hagens "Du hast den Farbfilm vergessen".

Mit Lobeshymnen auf den Künstler sparten deshalb die Kollegen nie: Nina Hagen bezeichnete ihn als "erfolgreichsten Songtexter der DDR", dem kürzlich verstorbenen Peter "Cäsar" Gläser blieb er in Erinnerung als "unser unbestrittener Haus- und Hoftexter (Renft, Karussell). Nur er war in der Lage, eine Langspielplatte innerhalb von ein, zwei Tagen nach Erhalt der Musik komplett zu betexten ... trotz dieses Tempos waren seine Texte von höchster Qualität". Auch Urteile wie "der wichtigste Chansonnier der DDR" oder "Chefideologe der DDR-Rockmusik" aus kompetentem Munde unterstreichen die einstige Bedeutung Demmlers.

Verwunderung löst sein Absturz erst recht aus, wenn man ihn mit Demmlers eigenen Versen konfrontiert. Etwa jenen: "denn es gibt leute die niemals lieben lieben können/ die kommen nur bis sex" ("Verse auf sex Beinen"). Aber Motive oder eine Rekonstruktion des Falles werden nun ohne gerichtliche Aufklärung Gegenstand von Spekulationen bleiben.

Musikalisch begonnen hatte der am 12. September 1943 in Posen (Poznan) geborene Kurt Demmler während seines Medizinstudiums in Leipzig. Er wurde 1967 Mitglied im Oktoberklub, wechselte dann zu einem Leipziger Singeklub. Trotz seiner großen Popularität, die ihm 1985 den Nationalpreis der DDR einbrachte, blieb Demmlers Haltung zur DDR kritisch. 1976 gehörte er zu den Mitunterzeichnern der Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, ebenso unterzeichnete er 1989 die Resolution der DDR-Rockmusiker und -Liedermacher für Demokratisierung und Freiheit, und bei der Ostberliner Großdemonstration vom 4. November 1989 trat er mit einer kleinen Rede und seinem Anti-Stasi-Spottlied "Irgendeiner ist immer dabei" auf. Natürlich hatte Demmler in der DDR damit gerechnet, dass er bespitzelt worden ist; später erfuhr er, dass der IME (Inoffizieller Mitarbeiter im besonderen Einsatz) "Pergamon", hinter dem sich der Dramaturg und Texterkollege Wolfgang Tilgner verbarg, über ihn berichtet hatte.

Nach dem Ende der deutschen Teilung wurde es im Zuge der schwierigen Aufnahme ostdeutscher Interpreten in eine gesamtdeutschen Musiklandschaft schwerer für Demmler. Zwar nutzten und beförderten viele ehemalige DDR-Bands eine musikalische Ostalgiewelle, so dass in deren Konzerten weiterhin viele Demmler-Songs erklangen. Doch die Aufmerksamkeit galt den Bands und nicht dem Autor. Sein letzter Versuch, noch mal ein größeres Projekt zu landen, war Ende der Neunzigerjahre die Mädchenband Zungenkuss. Er hatte sie aus fünf Teenagern zusammengestellt, unter ihnen Anna Fischer, die heute als Sängerin der Band Panda und als Schauspielerin bekannt ist. Einige Auftritte hatte die Girlgroup, doch der Erfolg blieb aus.

Demmlers letzte CD "Mein Herz muss barfuß gehen" von 2001 ist ein Best-off-Album. Auf seiner Homepage hat er noch bis zum August 2008 Texte veröffentlicht. In "Mein Wort", seinem letzten "Song des Monats", heißt es: "mein wort möchte richtung/ zwar geben und sinn/ aber seine gewichtung/ schlägt mich selber lang hin".

DIETRICH PÄTZOLD

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Letzte Änderung: 2009-02-04