Susan Bonath

Unsere Obdachlosen zuerst

Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt will nur noch »Kieler Bürgern« helfen, ein Dach über dem Kopf zu finden
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Susan Bonath

Sind es eine halbe Million oder schon mehr? Für alles Mögliche gibt es in Deutschland Statistiken, nur die Obdachlosen zählt niemand. Einig sind sich Sozialverbände nur: Sie werden mehr. Es gibt zuwenig Hilfe, viele Kommunen fühlen sich überfordert. Die Stadt Kiel will das Problem auf ihre Weise lösen: Helfen will sie nur noch Betroffenen, die in Kiel gemeldet sind. So zumindest der Plan im Kieler Stadtrat. Alle anderen sollen danach künftig dorthin zugeschickt werden, wo sie hergekommen sind.

 

Hier wurde die strittige Entscheidung getroffen:
Kieler Rathaus

Wie das Kieler Straßenmagazin Hempels in seiner neuen Ausgabe berichtete, diskutiert der Sozialausschuss der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt derzeit eine Vorlage. Unter der Überschrift »Verhinderung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Kiel« definiert das Papier Personenkreise und Hilfeoptionen. Angebote sollen danach nur noch Menschen zustehen, die als »Kieler Bürger« obdachlos wurden. Andere Betroffene will man künftig auf ihren Herkunftsort verweisen. Maximal eine Fahrkarte und eine Notübernachtung stünden ihnen dann noch zu.

Der Kieler Sozialrechtsanwalt Helge Hildebrandt findet das Ansinnen »nicht nur sozialpolitisch höchst problematisch, sondern schlicht rechtswidrig«. Kommunen seien verpflichtet, Obdachlose unterzubringen. Und dies orientiere sich am tatsächlichen Aufenthalt der Betroffenen, erklärte er der Zeitung.

Die Stadt müsse sich verstärkt um Menschen kümmern, die in Kiel ihre Wohnung verloren hätten, hielt Sozialstadtrat Gerwin Stöcken (SPD) dagegen. Andere Betroffene könnten sich an ihre »Heimatkommune« wenden. »Man darf das Problem nicht in die größeren Städte delegieren«, kritisierte er. Kiel solle es nicht mittragen müssen, »dass man sich anderswo nicht um genügend Wohnraum gekümmert hat«.

Genug um bezahlbare Wohnungen gekümmert hat sich allerdings auch Kiel nicht, wie Stöcken erst im November 2016 in der Ratsversammlung angemahnt hatte. »Wir müssen schnell handeln«, verlangte er. »Andernfalls drohen soziale Verwerfungen, ausgelöst unter anderem durch kräftig steigende Mieten, die viele Menschen in Zukunft schlichtweg nicht mehr aufbringen können.«

Ähnlich wie Stöcken vor fünf Monaten sieht es Ilona Storm vom Diakonischen Werk Schleswig-Holstein. Besonders in Ballungszentren fehle günstiger Wohnraum, erklärte sie am 12. April. Dies sei ein Grund, warum die Obdachlosenzahlen rasant gestiegen seien. Im letzten Jahr hätten mit mehr als 7.500 Menschen so viele wie nie Angebote der diakonischen ambulanten Wohnungslosenhilfe beansprucht. Besonders dramatisch sei, dass ein Drittel von ihnen unter 25 Jahre alt war. Die Zahl der jungen Erwachsenen habe sich damit binnen eines Jahres sogar verdoppelt.

Foto: Anne-Sophie Siemons/dpa

Weiter verschärft sich der Kampf ums Überleben ganz unten durch erhöhte Armuts- und Arbeitsmigration aus EU-Nachbarländern. »Vor allem in den Zentren ist das ein Thema«, weiß Diakonie-Sprecher Friedrich Keller. Andere kämen aus kleineren Orten Schleswig-Holsteins nach Kiel. Man könne sie nicht einfach wegschicken, mahnte Keller am Montag im Gespräch mit jW und stellte klar: »Wir müssen allen helfen«, sonst werde das Problem zu einem »Verschiebebahnhof«. Das gelinge aber nur, wenn Einrichtungen mehr finanziell unterstützt würden, so Keller. Es fehle an Unterkünften, und man könne kein Personal einstellen, obwohl zuletzt jedes Jahr etwa 1.000 Obdachlose mehr Hilfe gesucht hätten.

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Erstveröffentlichung: Junge Welt, 25.04.2017. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin
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