Klaus Meier

Unsere Angst sind ihre Freunde

Gedanken eines Erwerbslosen ein paar Tage nach dem Termin im Jobcenter
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Klaus Meier

Es war wieder mal so weit, das Jobcenter orderte zum Rapport. Es sollte wie immer nach 6 Monaten berichtet und Kontrolliert werden, was man getan hat zur Minderung der eigenen Bedürftigkeit im Sinne des Sozialgesetzbuches. Pünktlich zum Termin erschienen gewehrt man Einlass. Begrüßt von einem alten Freund der mal hören wollte was man so die letzten 6 Monate getrieben hat. Anbei legt man ohne Aufforderung wieder mal die geforderten Unterlagen zur Einsicht vor. Auch die Bewerbungen für eine Erwerbstätigkeit sind wie immer dabei. Diese Bewerbungen die man so sorgfältig, nach besten Wissen und Gewissen hoffend auf eine auskömmlichen Erwerbstätigkeit verfasst und bei allerlei möglichen Erwerbsplätzen postalisch oder persönlich hinterlegt hatte.

Natürlich brachten auch diese Bewerbungen keine erwünschten Resultate und wurden darum auch Missgünstig begutachtet. Aus dem Freund den man nur besuchen sollte, wurde der Inquisitor des Jobcenters. „Das hätte ich“ oder „hier hätte ich“ bis einfach nur „Falsch“ war wieder alles dabei. Auf die Frage nach dem warum, gab es wie immer keine Antwort oder Begründung. Da half auch kein darauf hinweisen das man nur das umgesetzt hatte was man im letzten Bewerbungslehrgang des Jobcenters erlernt hatte. Denn dann haben die halt auch beim Bewerbungslehrgang alles falsch gemacht. Das einzige was man zum Ende der negativen Tirade zu hören bekam war. Das ja die schlechten Bewerbungen schuld sind, dass es mal wieder nichts geworden ist mit der Erwerbstätigkeit. Emotional ist man da längst wieder am Tiefpunkt angekommen. Man fühlt sich als wenn man seinen Eltern eine 5 im Sport erklären müsste, obwohl man endlich das Seil in der Turnhalle erklommen hatte.

Dem ganzen folgen dann die Standardsätze die nur darauf zielten das man sich noch schlechter fühlt und damit man Schulgefühle bekommt. Sie können doch nicht Jahre lang so weiter machen, Sie müssen doch ein geregelten Tagesablauf haben, Sie müssen doch der Gesellschaft etwas wieder geben, denken sie doch an ihre Rente, Sie sind selber schuld und so weiter. Jetzt ist man Emotional in der großen Pause auf dem Schulhof und der vermeintliche Freund ist der Vollstrecker der verbalen Klassenkeile. Der Drang aufzubegehren wird unerträglich, man will endlich sich erklären. Diesen vermeidlichen Freund auf der anderen Seite des Schreibtisch klar machen wie es da draußen im echten Leben aussieht. Es mit Fakten unterlegen das Erwerbslosigkeit kein individuelles Problem ist und nicht durch persönliche Handicaps bestimmt wird. Das Industrie 4.0 wissenschaftlich bewiesen für immer mehr Erwerbslose sorgt und sorgen wird und so weiter.

Aber dann kommt die Erinnerung vom letzten mal, als man den vermeidlichen Freund besuchte und wie er auf Wiederworte reagiert. Er nennt es Sanktionen, da man nicht bereit ist seiner Mitwirkungspflichten nach zu kommen. Eigentlich ist es nichts anderes als die Daumenschrauben die einen dazu bringen sollen zu allem JA zu sagen. Also schweigt man und senkt den Blick, denn man will dem Freund der einen ja nur helfen möchte nicht provozieren. Es folgen Angebote und Vorschläge die der Freund macht damit man aus der Erwerbslosigkeit kommt. Der 1€ Job, das unbezahlte Praktikum oder mal wieder eine Maßnahme. Auch könnte man ja zum gefühlten zehnten mal einen Bewerbungslehrgang machen damit die nächsten besser werden. Leise sagt man nicht JA aber auch nicht NEIN, in der Hoffnung das es nicht so schlimm wird. Denn schon lange ist einem klar das es diesen Freund nur darum geht einen aus den Erwerbslosenzahlen zu bekommen.

Am Ende Unterschreibt man wieder die Eingliederungsvereinbarung, denn eigentlich will man nur noch da raus. Der Freund verabschiedet sich mit einem lächelt von seinem Freund, der Angst. Diese Angst die es ihm wieder mal so leicht gemacht hat. Diese Angst die jedem der auf der falschen Seite des Schreibtischs sitzt überkommt, wenn der Freund zum Rapport ruft. Diese Angst die die Agenda 2010 so erfolgreich gemacht hat, für Menschen die nicht durch Erwerbstätigkeit ihren Lebensunterhalt sichern müssen. Diese Angst die dafür sorgt das man lieber für wenig Lohn einer Erwerbstätigkeit nach geht, als von ALG 2 Abhängig zu sein. Diese Angst die den größten Billiglohnsektor etabliert hat. Diese Angst das wenige was einen noch bleibt zu verlieren, obwohl man eigentlich gar nichts mehr zu Verlieren hat. Diese Angst die Solidarität und Gemeinschaft im Kein erstickt.

Na dann, wir sehen uns Montag beim nächsten Bewerbungslehrgang.
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