Hartz und herzlich?

 

Klaus Meier #Dissident

Klaus Meier #Dissident

Wieder einmal sollen vom System abgehängte Menschen bei RTL II für Einschaltquote sorgen. Und wieder einmal bedient man dabei alle Vorurteile und Klischees die es über ALG II Abhängige in der Gesellschaft gibt. Die alleinerziehende, Erwerbstätigkeit verweigernde Mutter mit vier Kindern. Die weder mit den Kindern, noch mit dem ALG II, oder auch nur ihrem Leben überhaupt klar kommt. Dann die alleinerziehende Mutter, die es sich mit ihren Kindern im ALG II bequem gemacht hat und den Sozialstaat auszunutzen weiß. Den Alkoholiker, der sich mit ALG II arrangiert, solange er sich sein Bier leisten kann. Der drogenabhängige Dealer, der aus dem Knast kommt und dem System die Schuld gibt. Und natürlich den guten ALG II abhängigen Aufstocker, der lieber im Billiglohn fest steckt, als ganz Erwerbslos zu sein.

KamaramannDiese Menschen darf man als geneigte/r Zuschauer*in jetzt häppchenweise durch ihren vermeintlichen Alltag begleiten. Natürlich legen diese Menschen ein Verhalten an den Tag, welches man von den Medien tagtäglich vermittelt bekommt. Ungebildet, unqualifiziert, parasitär, einfältig, realitätsverweigernd, leistungsunfähig, geringe Selbstkontrolle und ein wenig rassistisch. Auch die Kinder stehen den Abhängigen natürlich in nichts nach. Faul in der Schule und unrealistisch in ihren Träumen. Das Ganze begleitet von einer sanften weiblichen Stimme, die die Probanden erst verstohlen und dann immer offener diskriminiert. Dass die Kameraführung dann nur noch der Zeigefinger ist, der das Ganze bildlich bestätigt, verwundert einen dann nicht mehr.

Nur bei der guten ALG II abhängigen Aufstockerin weicht man von diesem Konzept ab. Sie ist die Gute, die sich trotz aller Rückschläge durch ihr Leben kämpft. Sich brav und widerstandslos lieber durch eine Erwerbstätigkeit für Billiglohn, von dem man nicht leben kann, ausbeuten lässt. Auch die Kinder sind natürlich eine Freude. RTL2 Hartz4 TVHaben Zukunftspläne und sind intellektuell auch in der Lage diese zu erreichen. Nicht umsonst geht die älteste ja bald auf ein Gymnasium. Es wird also wieder einmal das gezeigt, was die Meinung derer widerspiegelt, die mehr Glück hatten in einem System, welches Verlierer produziert. „Selber Schuld“ heißt es, was nicht nur die Verantwortung des Staates negiert, sondern auch die der Wirtschaft und Politik. Wenn man bedenkt, dass RTL II auch „Hartz4 TV“ genannt wird, fragt man sich, warum es mit solchen Formaten ihr Stammpublikum immer wieder vor den Kopf stößt.

Es gibt einen Grund, warum nur solche Menschen zu sehen sind, wenn es um ALG II und Langzeiterwerbslosigkeit geht. Denn wer soll noch an das Märchen glauben von „selber Schuld“, wenn da auf einmal Menschen vor der Kamera stehen, die eine gute schulische Ausbildung haben. Einen Beruf erlernt haben oder gar akademische Grade oder Titel vorweisen können. Wenn diese Menschen sich adäquat vor der Kamera artikulieren können. Der geneigte Zuschauer soll nicht erkennt, dass er schon morgen zu diesem Heer der Systemverlierer gehören könnte.