Diethard Möller

Berlin, 29. Juni: 50.000 kamen zur fairwandel-Demo
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Diethard Möller

Am Samstag, dem 29.6.19, war in Berlin am Brandenburger Tor zu spüren, was derzeit Hunderttausende, wenn nicht Millionen Kollegen/-innen im ganzen Land bewegt. Mit rund 800 Bussen und 10 Sonderzügen kamen rund 50.000 zur Demonstration der IG Metall. Sie alle hat die Angst um ihre Zukunft, ihre Arbeitsplätze getrieben.

Denn mit Industrie 4.0, Digitalisierung, Umstellung auf Elektromobilität droht der Wegfall von Millionen Arbeitsplätzen. Und das ist nicht nur Zukunft, sondern findet bereits in vielen Bereichen statt. Zudem sehen die Kollegen/-innen, dass dieser Prozess erst am Anfang steht und in zahlreichen Betrieben bereits Vorbereitungen für weitere Schritte im Gang sind. Diese Entwicklung hat in vielen Betrieben zu Unruhe geführt. Streiks und Demonstrationen bei Ford, VW, Daimler, Bosch, Porsche waren erste Anzeichen der sich entwickelnden Wut und Angst.

Demo zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor. Bild: IGM

Das war wohl der Anlass für die IG Metall-Führung, die Aktion in Berlin zu organisieren. Die Reaktion der Kolleg/innen, die in ihrer Freizeit bis zu 20 Stunden unterwegs waren, zeigt, wie drängend dieses Problem in den Betrieben ist. Das war vor dem Brandenburger Tor deutlich zu spüren. Immer wieder äußerten Kollegen/innen ihre Wut und ihre Kampfbereitschaft, bei dem, was gerade in ihren Betrieben abgeht. Das Kapital nutzt die Entwicklung, um den Druck zu erhöhen: Mehr Flexibilität, längere Arbeitszeiten, Intensivierung der Arbeit, Abbau von Errungenschaften, Druck auf die Betriebsräte… eine lange Liste. Für viele Teilnehmer der Kundgebung am Brandenburger Tor war daher klar, dass man kämpfen muss, wenn man nicht eines Tages mit dem Rücken zur Wand dastehen will.

Unser Flugblatt kam gut an und wurde teilweise heftig diskutiert. So erlebte ein Verteiler von uns, dass ein Kollege aus einer Gruppe meinte, ein kommunistisches Flugblatt wolle er nicht lesen. Daraufhin lasen ihm andere aus der Gruppe Teile des Flugblattes vor und meinten: „Da steht doch die Wahrheit drin! Und die Forderungen sind genau die, die wir stellen müssen! Sei doch nicht dumm, lies doch mal!“ Unsere Flugblätter und Zeitungen waren bald verteilt. Wir hätten mehr gebrauchen können.

Das Musikprogramm mit den Gruppen Berlin Boom Orchestra, Silly, Joris, Clueso, Culcha Candela war gut. Mitreißende und mobilisierende Rhythmen brachten Bewegung in die Reihen. Manchmal war aber die Grenze von einer politischen Kundgebungen hin zu einem Sommerfest überschritten. Allein bei den unzähligen Ständen mit Essen und Getränken und sehr wenigen politischen Ständen bekam man den Eindruck, dass hier ein wohlorganisiertes Volksfest gemacht werden sollte, statt einer kämpferischen Mobilisierung.

Jörg Hofmann, 1. Vorsitzender der IG Metall und SPD-Mitglied spricht. Bild: IGM

Die Reden unterstützten diesen Eindruck. Wenig kämpferisch war die Hauptrede von Jörg Hofmann, dem 1. Vorsitzenden der IG Metall und SPD-Mitglied. Vieles war richtig. So forderte er, dass die Veränderungen nicht zu Lasten der Kolleg/innen sein dürften. Aber ist das ein Konzept? Wäre es nicht nötig, über die Kampfschritte zu sprechen, die man braucht? Denn wie soll so etwas durchgesetzt werden? Das gegenwärtige kapitalistische System in Frage zu stellen, konnte man von ihm sowieso nicht erwarten. Aber die altbekannten Floskeln von „mehr Mitbestimmung“, „Sozialstaat gestalten“, „Verantwortung für gerechte Veränderungen“ haben keinerlei wirksame Perspektive gezeigt. Es entstand eher der Eindruck, hier sollen Menschen nach dem Motto beruhigt werden: Wir machen das schon!

Auch Verena Bentele, Präsidentin des VDK und SPD-Mitglied, übte sich eher im Sprüchemachen. Sie schwieg dazu, dass ihre Partei mit Hartz IV und ausufernder Leiharbeit die Lage der Arbeiterklasse dramatisch verschlechtert hat. Stattdessen verkündete sie, dass die Kollegen/innen da unten „großartig“ seien.

Azubis von Daimler-Sindelfingen. Bild: IGM

Gut war, dass Grüße von fridays for future verlesen wurden, wo gefordert wurde, den Kampf um eine bessere Umwelt und um Arbeitsplätze gemeinsam zu führen und sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen. Diese kleine Grußadresse war politischer und klarer als die meisten Reden.

Die gesamte Stimmung bei der Kundgebung zeigte jedoch, dass viel mehr notwendig ist als ein paar Floskeln. Begeisterung lösten die Reden immer dann aus, wenn sie kämpferisch waren oder klare Forderungen gestellt wurden. Leider war das eher selten der Fall. Es zeigt sich aber, dass eine Reihe von Kollegen/innen in ihrem Denken, in ihrer Wut auf dieses System weiter sind als die Redner.
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Bericht eines Ver.di-Kollegen

Ich hatte meine ver.di-Mütze aufgesetzt, als ich zur Kundgebung am 29.6.19 in Berlin ging. Das löste viele Reaktionen aus. „Ist ver.di auch dabei?“, war eine der vielen Fragen. Ich musste antworten: „Leider nein! Aber ich als ver.di-Mitglied bin hier, weil ich solidarisch sein möchte. Meiner Meinung nach ist das auch keine Angelegenheit der IG Metall sondern aller Gewerkschaften gemeinsam. Denn der Abbau von Stellen, der Druck auf die in Arbeit Verbliebenen, das wird in allen Arbeitsbereichen stattfinden. Deshalb hätte diese Kundgebung eine gemeinsame aller Gewerkschaften sein müssen.“ „Da hast Du Recht! Toll, dass Du dabei bist!“, war die Antwort vieler Kollegen/innen. Und wir waren uns einig, dass wir in unseren Gewerkschaften dafür eintreten müssen, dass dieser Kampf gemeinsam geführt wird.
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Erstveröffentlichung vor wenigen Tagen in Arbeit Zukunft online. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.
Bilder und Bildunterschriften wurden komplett oder zum Teil von der Redaktion AmericanRebel hinzu gefügt.
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Dabei muss es sich nicht grundsätzlich um die Meinung der Redaktion handeln.

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