100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland

Vor 100 Jahren gärte es in ganz Deutschland. Soldaten verweigerten den Dienst und wendeten sich gegen ihre Offiziere, Arbeiter streikten zu hunderttausenden, Frauen gingen gegen den Hunger auf die Straße.

Vier Jahre Krieg hatten unser Land ins Elend gestürzt. Weltweit wurden 18 Millionen Soldaten und Zivilisten dieses brutalen Krieges zwischen den verschiedenen imperialistischen Mächten.

Die Menschen hatten die Nase voll von Tod, Hunger, Elend. Sie hatten die Nase voll vom kapitalistischen System, dass sie unter nationalistischen Parolen in diesen Krieg gehetzt hatte.

Obwohl in der internationalen Arbeiterbewegung vereinbart war, im Falle eines Krieges gegen die Regierungen und den Krieg zu mobilisieren, brach die SPD-Führung diese Abmachung und stimmte den Kriegskrediten zu. Sie erhielt dafür Posten und arbeitete in der kaiserlichen Regierungs- und Kriegsmaschinerie mit. Kriegsgegner wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ließ die SPD-Führung in Zusammenarbeit mit der kaiserlichen Regierung inhaftieren.

Als am 3. November in Kiel die Revolution ausbrach und am 9. November in Berlin eine sozialistische Republik ausgerufen wurde, erklärte SPD-Führer Friedrich Ebert: „Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.“ Offiziell trat er als „Revolutionär“ auf, im Geheimen schmiedete er ein Bündnis mit den reaktionärsten Kräften des Militärs und des Kapitals zur blutigen Niederschlagung der Revolution.

In Deutschland fehlte eine klare, bewusste und erfahrene Kommunistische Partei, die diesem Verrat entgegentreten konnte. Auf Betreiben von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurde die KPD am 30. Dezember 1918 gegründet.

Kurz darauf tauchten in Berlin Plakate auf: „Schlagt Liebknecht tot!“. Die SPD-Führung beauftragte das Militär und bezahlte reaktionäre Trupps, Liebknecht und Luxemburg „unschädlich“ zu machen. Am 15. Januar wurden die beiden Kriegsgegner und großen Revolutionäre ermordet.

Im Kampf gegen die Revolution gingen die SPD-Führer so weit, dass sie Berlin zum ersten Mal aus der Luft bombardieren ließen. Arbeiterviertel waren das Ziel der Bomben. Der „Volksbeauftragte“ für das Militär, Gustav Noske, SPD: „Meinetwegen, einer muss der Bluthund werden. Ich scheue die Verantwortung nicht.“

So wurde die Hoffnung auf ein Deutschland ohne Krieg und Kapitalismus im Blut erstickt.

Heute leben wir in einer Zeit der Aufrüstung und zunehmender Spannungen zwischen den imperialistischen Großmächten. Auch die deutsche Regierung plant eine massive Aufrüstung. Alles läuft Richtung Kriegsgefahr. Zugleich haben wir in einem der reichsten Industrieländer der Erde Billiglöhne, Sozialabbau, Bildungsmisere, Rassismus und Hass, Niedrigstrenten, Pflegenotstand usw.
Was können wir in dieser Situation aus den Ereignissen der Novemberrevolution lernen? Was können wir heute gegen Kriegsgefahr, Sozialabbau, Verelendung tun?

Über die Geschichte der Novemberrevolution und unsere Lehren daraus erfahren wir mehr in den nachfolgenden Artikeln verschiedener Autoren, die wir mit Unterstützung von Arbeit-Zukunft zusammengestellt haben.

Veranstaltungen

RÜSSELSHEIM
Samstag, 18. Oktober, 17:00 Uhr
Freiwerk, Hügelstraße 11

HANAU
Donnerstag, 19. Oktober 2018, 18:30 Uhr,   DGB-Haus, Am Freiheitsplatz 6

BAD OLDESLOE
Vortragsabend: 100 Jahre Novemberrevolution, Freitag, 19. Oktober 2018 von 18:00 bis 22:00 Uhr, Alter Rathaussaal im KuB Bad Oldesloe, Beer-Yaakov-Weg 1, (Eingang Altes Rathaus)

KIEL
3. November
Näheres noch nicht bekannt

FRANKFURT/Main
Samstag, 10. November, 14:00 Uhr
Saalbau Gallus, Frankenalle 111

Diethard Möller

100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland

1. Teil: Auf dem Weg zur Novemberrevolution 1918
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Diethard Möller

Im November 2018 begehen wir den 100. Jahrestag der Novemberrevolution in Deutschland: Ein epochales Ereignis für unser Land! Sie erfasste hunderttausende Menschen im ganzen Reich, entwickelte ungeheure Kräfte. Sie konnte nur mit brutaler Gewalt von den Kräften der Konterrevolution, vor allem von der nun sozialdemokratisch kommandierten Reichswehr- und Freikorpseinheiten am Weiterschreiten zu einer sozialistischen Revolution gehindert werden. Hier zeigte sich die revolutionäre Kraft unserer Arbeiterklasse und unseres Volkes, auch wenn wir heute weit davon entfernt scheinen. Und sie ist ein lebendiges Anschauungsmaterial für die Gefahren, die einer Revolution drohen. Daher wollen wir im Laufe des Jahres einige besondere Aspekte dieser Revolution herausarbeiten.

In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit den Wurzeln der Novemberrevolution.

Die Novemberrevolution war kein einmaliger Akt, der aus dem Nichts heraus entstand. Die deutsche Arbeiterklasse war nicht urplötzlich revolutionär, um dann wieder von der Bühne der Geschichte abzutreten. Die Novemberrevolution hat eine lange Geschichte und hat ebenso tiefe Spuren in unserem Land hinterlassen.

70 Jahre zuvor war das Kommunistische Manifest, geschrieben von Karl Marx und Friedrich Engels, erschienen. 43 Jahre zuvor war die SPD als revolutionäre Arbeiterpartei unter Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründet worden. Und sie war damals eine wirklich revolutionäre Partei, die das kapitalistische System stürzen und beseitigen sowie den Sozialismus aufbauen wollte. Diese beiden bedeutenden Ereignisse basierten auf der Existenz einer starken, kämpferischen Arbeiterbewegung. Ohne eine solche Massenbasis hätte sich der Gedanke des Sozialismus niemals so weit verbreiten und verankern können. Nur so konnte die SPD trotz Verbots unter Bismarck zur stärksten sozialistischen Partei weltweit heranwachsen. Nur so konnte die deutsche Arbeiterbewegung sich entwickeln und in zahlreichen Kämpfen dem Kapital Zugeständnisse abringen, die bis heute zum Vorteil der Arbeiterklasse sind. Angesichts der immer stärker werdenden Arbeiterbewegung und ihrer revolutionären Ausrichtung führte beispielsweise Bismarck die gesetzliche Renten- und Krankenversicherung ein. Er hoffte damit, ein weiteres Anwachsen zu verhindern. Doch das Gegenteil war der Fall. Denn die Menschen begriffen sehr wohl, dass dieser Erfolg nur ihrer Stärke zu verdanken war. Und sie wollten in ihrer großen Mehrheit mehr: Den Sozialismus, eine andere Gesellschaft!

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.Doch von Anfang an gab es in der revolutionären SPD verschiedene Strömungen und damit verbunden Opportunismus, Anbiederung an das Kapital. Schon Marx und Engels kämpften mit aller Kraft dagegen an. Zusammen mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht konnten sie die SPD für lange Zeit auf einem revolutionären Kurs halten und voranbringen.

Insbesondere in der mit dem Wachstum der Gewerkschaften stark gewordenen Gewerkschaftsbürokratie entwickelten sich zunehmend Verfechter einer „friedlichen Lösung“ einer „Zusammenarbeit mit dem Kapital zum Wohle aller“. Diese Sorte ist der Arbeiterklasse im modernen Gewand der Co-Manager erhalten geblieben. Die Sprüche sind heute englisch durchsetzt, aber im Inhalt dieselben wie vor mehr als hundert Jahren.
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Der Kampf in der revolutionären Bewegung um die Stellung zum Krieg

Ein wichtiger Ausgangspunkt für die Novemberrevolution war der Beginn des imperialistischen 1. Weltkrieges.

Schon früh begann eine Auseinandersetzung innerhalb der SPD um die Haltung zum Krieg. So hatte der internationale Stuttgarter Sozialistenkongress von 1907 mit knapper Mehrheit die sozialdemokratischen Parteien verpflichtet, alle Mittel anzuwenden, um die Kriegsgefahr zu bekämpfen und den Weltfrieden zu erhalten. Auf Antrag von Lenin und Luxemburg wurde folgender Zusatz angenommen:
„Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, sind sie (die sozialdemokratischen Parteien) verpflichtet, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, um die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufrüttelung der Volksschichten und zur Beschleunigung des Sturzes der kapitalistischen Klassenherrschaft auszunutzen.“
1912 wurde dieser Beschluss beim Internationalen Sozialistenkongress in Basel zwar noch einmal bestätigt, doch in der Realität war der Einfluss der „Vaterlandsverteidiger“ bereits gestiegen.

Schon 1907 hatte der Reichstagsabgeordnete Gustav Noske (SPD), von dem wir später wieder hören werden, bei der Beratung des Militäretats die Friedenspolitik der kaiserlichen Regierung gelobt (!) und erklärt, die Sozialdemokratie wolle keinesfalls die Disziplin im Heer untergraben, sie wolle Deutschland möglichst wehrhaft sehen und sie werde im Kriegsfall das Gewehr auf den Buckel nehmen und sich im Kriege von keiner anderen Klasse an Patriotismus übertreffen lassen. Noske wurde nicht etwa aus der SPD rausgeschmissen, sondern machte Karriere.

Noch kurz vor Beginn des 1. Weltkrieges veröffentlichte der Vorwärts am 25.7.1914 einen Aufruf gegen den imperialistischen Krieg, der mit den Forderungen endete:
„Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! Hoch die internationale Verbrüderung!“

Hatte das kaiserliche Militär zunächst auf Geheiß der Regierung geplant, alle sozialdemokratischen Abgeordneten bei Kriegsbeginn zu verhaften, wurde bereits am 24.7.1914 im Kriegsministerium beschlossen, von Verhaftungen abzusehen. In einer Instruktion des Kriegsministeriums vom 31. Juli 1914 hieß es dazu:
„Nach sicherer Mitteilung hat die Sozialdemokratische Partei die feste Absicht, sich so zu verhalten, wie es sich für jeden Deutschen unter den gegenwärtigen Verhältnissen geziemt.“

Während man also am 25.7.1914 noch Aufrufe gegen den Krieg im Vorwärts veröffentlichte, hatte man bereits insgeheim Kontakte zur kaiserlichen Regierung aufgenommen und dieser versichert, man werde beim Krieg mitmachen!

Und zugleich begann in den sozialdemokratischen Zeitungen übelste chauvinistische Hetze. So rief die „Frankfurter Volksstimme“ am 31.7.1914 zum „Sturz des Zarentums und seines Blutregiments“ auf. Am 2. August 1914 erklärte die „Chemnitzer Volksstimme“: „Deutschlands Frauen und Kinder sollen nicht das Opfer russischer Bestialität werden, das deutsche Land nicht die Beute der Kosaken.… für die deutsche Freiheit und die Unabhängigkeit des deutschen Volkes werden unsere Genossen in den Kampf ziehen..“
Wie wenig unterscheidet sich diese primitive Hetze von der heutigen Hetze gegen Russland.

Am 4.  August 1914 stimmten die SPD im Reichstag den Kriegskrediten zu. Der SPD-Abgeordnete Haase, der sich zunächst innerhalb der Reichstagsfraktion gegen eine Zustimmung ausgesprochen hatte, verlas als Fraktionsvorsitzender eine Erklärung der SPD:
„Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen…
Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus, der sich mit dem Blute der Besten des eigenen Volkes befleckt hat, viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen.
Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich.“

Es folgten dann noch ein paar warme Worte, dass man hoffe, dass die Kriegsleiden die Massen vom Ideal des Sozialismus und des Völkerfriedens überzeugen würden. Verlogener ging es nicht!

Diese sozialdemokratische Gewerkschaftszeitung durfte legal erscheinen und Kriegsparolen verkünden.

Die Bourgeoisie wusste diese Haltung zu schätzen. Die SPD wurde zum Partner. Zugleich aber wurde eine Militärdiktatur errichtet und eine Zensurbehörde geschaffen. Sozialdemokratische Zeitungen durften frei erscheinen und auch ein paar kritische Töne anschlagen, wenn sie nur zur „Vaterlandsverteidigung“ aufriefen.

Diese sozialdemokratische Gewerkschaftszeitung, die eine revolutionäre Haltung gegen den Krieg einnahm, wurde mit Unterstützung der SPD-Führung zensiert.

Sozialdemokratische Zeitungen, die dies nicht mitmachten, und davon gab es einige, erschienen oft mit weißen Stellen oder ganzen weißen Seiten, weil Beiträge von der Zensur verboten wurden. Später wurden sogar solche weißen Stellen verboten, weil dadurch die Zensur und der Protest dagegen sichtbar wurde.
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Der Kampf der Revolutionäre gegen den Krieg

Mit der Entwicklung der SPD zur Kriegspartei gründeten die Revolutionäre um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 1914 die „Gruppe Internationale“, die sich 1916 in Spartakusbund umbenannte und 1917 der von der SPD abgespaltenen USPD anschloss. Nachdem die Gruppe sich am 30.10.1914 in der Schweizer Zeitung „Berner Tagwacht“ öffentlich von der SPD-Führung distanzierte, wurde sie offiziell polizeilich überwacht und bald einige ihrer Mitglieder festgenommen, darunter Rosa Luxemburg. Sie musste am 18. Februar 1915 eine einjährige Haftstrafe im „Berliner Weibergefängnis“ antreten. Schon drei Monate nach ihrer Entlassung wurde sie nach dem damaligen Schutzhaft-Gesetz zur „Abwendung einer Gefahr für die Sicherheit des Reichs“ zu insgesamt zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Juli 1916 begann ihre „Sicherungsverwahrung“. Drei Jahre und vier Monate verbrachte sie zwischen 1915 und 1918 im Gefängnis.

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Doch auch im Gefängnis blieb sie aktiv, sammelte Informationen, schrieb Analysen und Aufrufe. Sie fand Wege, diese herauszuschmuggeln, wo sie illegal verbreitet wurden.

Karl Liebknecht stimmte am 2. Dezember 1914 als einziger SPD-Abgeordneter offen gegen weitere Kriegskredite. Die kaiserliche Regierung und die SPD wollten ihn nun loswerden. Daher wurde er Anfang Februar in ein Armierungs-Bataillion eingezogen, wo er an der West- und an der Ostfront eingesetzt war. Damit unterstand er der Militärgerichtsbarkeit. Jede politische Betätigung außerhalb des Reichstages und des preußischen Landtages war ihm verboten. Dennoch war er weiter aktiv und warb Menschen für den Spartakusbund, der sich so stärkte. 1916 sprach er bei der „Osterkonferenz der Jugend“ in Jena gegen den Krieg. Am 1. Mai 1916 war er Führer einer Antikriegsdemonstration in Berlin. Als er ausrief „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“ wurde er verhaftet. Er kam dann mit Hilfe der SPD-Führung hinter Gittern. Er wurde aufgrund seiner Ablehnung der Burgfriedenspolitik aus der SPD-Fraktion ausgeschlossen und wenig später wegen „Kriegsverrat“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Prozess, eigentlich gedacht als Exempel gegen die Revolutionäre, geriet zum Fiasko für die kaiserliche Justiz: Organisiert von den Revolutionären Obleuten fand in Berlin ein spontaner Solidaritätsstreik mit über 50.000 Beteiligten statt. Statt die Opposition zu schwächen, gab Liebknechts Verhaftung dem Widerstand gegen den Krieg neuen Auftrieb. Nach etwa zwei Jahren Haft wurde er knapp drei Wochen vor dem Ende des Ersten Weltkrieges freigelassen.

In den folgenden Teilen werden wir den weiteren Weg zur Novemberrevolution aufzeigen, die Folgen des Krieges für die Arbeiterklasse und die Massen darlegen und uns mit der Entwicklung des Opportunismus auf der einen Seite und der Revolutionäre auf der anderen Seite beschäftigen.
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Diethard Möller

100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland

2. Teil: Schluss mit dem Krieg! Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten!
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Diethard Möller

Oben haben wir den Weg zur Novemberrevolution geschildert: Die Umwandlung der SPD zur Kriegspartei, die den imperialistischen Weltkrieg auf Seiten des Kaisers, der Feudalen und des Kapitals unterstützte. Der Kampf der Revolutionäre gegen den Krieg sowie die Inhaftierung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mit Hilfe der SPD.
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Der imperialistische Krieg – ein grauenvolles Blutbad

Während die SPD-Führung Posten in der Reichsregierung erhielt, mussten Millionen Arbeiter in den Krieg ziehen und dort ihr Leben lassen. Insgesamt wurden weltweit ca. 18 Millionen Soldaten und Zivilisten in diesem Krieg ermordet.

Revolution 1918/19: Zweifronten-Barrikade im Berliner Zeitungsviertel Anfang 1919 – gegen die reaktionären Noske-Truppen, CC AdsD

Als Anlass für den Beginn des imperialistischen Krieges nahm der deutsche Kaiser einen angeblichen Angriff der serbischen Armee bei Temes Kubin am 26.7.14, der tatsächlich nie stattgefunden hat. Auf Druck des deutschen Kaisers erklärte der österreichische Kaiser am 28.7.14 Serbien den Krieg. Am 1. August erklärte der deutsche Imperialismus dem russischen Zarenreich den Krieg. Am 2. August wurde ohne Kriegserklärung gegen Frankreich Luxemburg besetzt. Am 4. August griff die deutsche Armee Belgien an, um von dort nach Frankreich vorzumarschieren. In kürzester Zeit waren alle großen europäischen imperialistischen Mächte in einem Krieg: England, Frankreich, Russland, ab 1917 auch die USA mit ihren Verbündeten gegen Deutschland und Österreich-Ungarn mit ihren Verbündeten. Insgesamt 40 Staaten beteiligten sich an diesem Krieg.

Rasch stagnierten die Fronten, vor allem die Westfront. Ein jahrelanger blutiger Stellungskrieg folgte, bei dem es oft nur um ein paar Meter Boden ging. Dabei wurden zum ersten Mal in großem Umfang moderne Waffen wie Panzer, Flugzeuge eingesetzt, mit denen man industriell und in großen Mengen morden konnte. Zum ersten Mal wurde Giftgas in großen Mengen eingesetzt, bei dem zahllose Soldaten elend erstickten. Waren anfangs noch einige Soldaten auf beiden Seiten geblendet von der nationalistischen Propaganda gern in den Krieg gezogen, schlug dies immer stärker in Enttäuschung, Wut und Hass gegen den Krieg um. Die Soldaten sahen, wie ihre Kameraden starben. Viele wurden verwundet. Sie sahen die Arroganz der Offiziere. Sie hörten von ihren Familien aus der Heimat, wie die Inflation rasant stieg und viele hungerten. Und sie sahen auch, dass die gegnerischen Soldaten Brüder, Arbeiter waren. Gerade bei den vielen sozialdemokratischen Arbeitern, die noch in der revolutionären SPD erzogen worden waren, wuchs die Einsicht, dass dies ein imperialistischer Krieg war, indem die Arbeiter der verschiedenen Länder gegeneinander gehetzt wurden und sich gegenseitig umbrachten.

Im Winter 1916/17 kam es in Deutschland zu massenhaftem Hunger. Aufgrund der Inflation konnten sich viele Familien kaum noch Nahrung leisten. Und für die Großbauern war es lohnender, die Ernte an die Tiere zu verfüttern oder zu Schnaps zu brennen. Denn die Oberschicht lebte gut von diesem Krieg und konnte sich Fleisch und Schnaps leisten. Das zeigte vielen, dass das Kapital vom Krieg profitierte, während die Arbeiterklasse mit Blut und Hunger zahlen musste.

Als es in Russland zu Massenstreiks, Aufständen und schließlich zur Februarrevolution 1917 kam, ermutigte das viele revolutionäre Gegner des imperialistischen Krieges. Als schließlich in der Oktoberrevolution 1917 die erste Arbeiter- und Bauernregierung gebildet und sofortige Maßnahmen für die Beendigung des Krieges und den schrittweisen Übergang zum Sozialismus ergriff, war dies für die Revolutionäre in Deutschland ein großer Ansporn, sich auch hier gegen den Krieg zu organisieren und für den Sozialismus zu kämpfen.

Als es am 5.12.17 zu einem Waffenstillstand zwischen dem revolutionären Russland und Deutschland kam, feierten dies deutsche und russische Soldaten an der Front gemeinsam.

Immer wieder kam es nun zu Befehlsverweigerung und Aufständen in der Armee. Im Januar 1918 kam es zu einer Streikwelle, die von revolutionären Obleuten organisiert wurde. An dem Streik beteiligten sich eine Millionen Arbeiter in ganz Deutschland. Die SPD, die eng mit dem Kapital verbunden war, sah die Gefahr, dass es auch in Deutschland zu einer Revolution kommen könnte und arbeitete mit allen Mitteln wie Täuschung, Lügen, Unterdrückung und Gewalt gegen diese Entwicklung. So wurde in Berlin der sozialdemokratische Führer Ebert Mitglied der Streikleitung bei den Januarstreiks und sorgte dafür, dass der Streik rasch abgebrochen wurde.

Eine letzte Offensive des deutschen Militärs im August 1918 an der Westfront brach schnell zusammen. und führte zu einer Katastrophe. Allein an einem Tag mussten 27.000 Soldaten ihr Leben für die Interessen des deutschen Imperialismus lassen. Am 29. September informierte die Militärführung den Kaiser und den Reichskanzler, dass die Lage aussichtslos sei. Sie empfahlen, einen Waffenstillstand und die Übergabe der Regierung an die SPD, damit man der die Schuld an der Niederlage geben könne. Die SPD trat nun offiziell in die kaiserliche Regierung ein. Gegenüber den Massen erklärte sie, sie wolle einen raschen Frieden herbeiführen, während sie in der Regierung alle Maßnahmen der Reaktion und des Kapitals unterstützte.
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Die Novemberrevolution

Großen Zulauf erhielt die Versammlung auf dem Kieler Wilhelmplatz am 10. November 1918

Die Generäle wollten sogar den Krieg wieder aufnehmen. In Kiel plante die deutsche Marineleitung unter Admiral Franz von Hipper, die Flotte zu einer letzten Schlacht gegen die Royal Navy in den Ärmelkanal zu entsenden. Die deutsche Flotte sollte kämpfen, bis auch das letzte Schiff untergegangen wäre. Das hätte den sinnlosen Tod von zehntausenden Matrosen bedeutet. Doch der Befehl wurde durch einen Funk-Offizier an die einfachen Matrosen weitergegeben. Die Matrosen hissten am 3. November 1918 rote Fahnen auf ihren Schiffen, entwaffneten die Offiziere und bildeten am 4. November 1918 gemeinsam mit den Kieler Arbeitern einen Arbeiter- und Soldatenrat.

Noch am selben Abend traf der SPD-Reichstagsabgeordnete Gustav Noske in Kiel ein. Der Gouverneur hatte telegrafisch um die Entsendung eines SPD-Abgeordneten gebeten, der den Aufstand im Auftrag der neuen Reichsregierung und der Parteiführung unter Kontrolle bringen sollte. Noske erklärte dem Arbeiter- und Soldatenrat, er wolle die „Revolution zum Sieg“ führen und wurde zu seinem Vorsitzenden gewählt. Er organisierte mit Tricks und Lügen schrittweise die Entwaffnung der Revolutionäre und die Wiederbewaffnung der Offiziere. So konnte er den Einfluss der Räte in Kiel zurückdrängen. Die Ausweitung der Revolution auf Deutschland jedoch konnte er nicht verhindern.

5. November 1918: Stolze Revolutionäre Matrosen lassen bei dem Kieler Fotografen Anton Buche ein Erinnerungsfoto machen.
(Das Foto zeigt eine Gruppe von sechs mit Gewehren bewaffneten Matrosen, die ihre Kokarden aus dem Mützen entfernt haben und die sich für den Fotografen um eine Tafel gruppiert haben, die vermutlich nachträglich vom Fotografen auf der Glas platte in Spiegelschrift mit den Worten „Hoch lebe die Freiheit 5. Nov. 1918“ versehen wurde. Dies war nach Aussagen des Leiters des Stadtarchivs Kiel, Dr. Johannes Rosenplänter ein damals übliches Verfahren.)

Die Revolution breitete sich rasch aus.: Lübeck, Rendsburg, Bremen, Hamburg, Hannover, Braunschweig, Köln, München, Stuttgart, Wilhelmshafen… Überall wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet und in wenigen Tagen die Monarchie beseitigt.

Doch der Führer der SPD, Ebert, war sich mit der Reaktion und dem Kapital darin einig, dass eine soziale Revolution verhindert und die reaktionäre staatliche Ordnung unter allen Umständen aufrechterhalten bleiben müsse. Er wollte die bürgerlichen Parteien, die schon 1917 im Reichstag mit der SPD zusammengearbeitet hatten, sowie die alten Eliten des Kaiserreichs für den Staatsumbau gewinnen und eine befürchtete Radikalisierung der Revolution nach russischem Vorbild verhindern. Er erklärte, als er den Rücktritt des Kaisers forderte: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.“

General Groener erklärte im Münchner Dolchstoßprozess im Oktober 1925 zur Rolle der SPD und der Gewerkschaftsführer, die am 6. November zu einem Gespräch mit der Reichsregierung und der Reichswehrführung eingeladen worden waren: „Von keiner Seite ist ein Wort gefallen, dass darauf schließen ließ, dass die Herren etwa auf eine Revolution hinstreben.“

Mittlerweile hatte sich die Revolution weiter ausgebreitet und auch Berlin erreicht. Nach dem Januarstreik 1918 hatte sich in Berlin eine illegale Organisation der revolutionären Obleute der Betriebe mit ca. 80 Mitgliedern aus USPD und Spartakus gebildet. Deren Aufstandsvorbereitungen wurden von Führern der USPD zu Fall gebracht und kurz darauf durch Verrat mehrere Mitglieder verhaftet. Für den 9. November wurde nun zum Generalstreik in Berlin aufgerufen. Das Militär bereitete sich darauf vor. Aber Truppen, die angefordert worden waren, kamen wegen der revolutionären Situation in ganz Deutschland nicht mehr durch. Nur die Lübbener und Naumburger Jäger wurden als „absolut sichere Bataillone“ nach Berlin gebracht. Alle beurlaubten Offiziere erhielten den Befehl, sich bewaffnet einzufinden, und wurden in Kampfgruppen eingeteilt.
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Der Kampf um die Macht beginnt

MG-Posten vor dem Berliner Stadtschloss 1918, CC Wikipedia, Bundesarchiv

Am Morgen des 9. November strömten ungeheure Arbeitermassen aus allen Teilen in das Zentrum von Berlin. An der Spitze marschierten bewaffnete Arbeiter und revolutionäre Soldaten. Die Reaktion musste kapitulieren. Die Polizei, die vier Jahre lang auf wehrlose Menschen eingeprügelt und geschossen hatte, gab ihre Waffen ab. Kasernentore öffneten sich. Die Soldaten schlossen sich entweder an oder erklärten ihre Neutralität. Die Regierung gab angesichts der Machtverhältnisse den Befehl, nicht auf die Demonstranten zu schießen. Vor der Maikäferkaserne jedoch postierte ein reaktionärer Offizier einen Trupp Bewaffneter und ließ schießen. Drei Arbeiter wurden ermordet. Der Offiziersposten wurde schnell überrannt und die Kasernentore aufgesprengt. Die Soldaten schlossen sich der Revolution an.

Obwohl sowohl die SPD-Führer als auch der Reichskanzler Max von Baden flehentlich den Rücktritt des Kaisers forderten, um wenigstens den Kapitalismus zu retten, zögerte der Kaiser und das Militär. Im Hauptquartier im besetzten Belgien schmiedete der Kaiser sogar noch Pläne für einen Marsch in die Heimat. Doch selbst die reaktionärsten Offiziere konnten ihm angesichts der Lage nicht mehr helfen. Als die Lage unhaltbar wurde, erklärte Reichskanzler Max von Baden am 9. November:
„Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind.“

Der Kaiser, der Millionen Soldaten in den Tod geschickt und von ihnen „Mut und Tapferkeit“ verlangt hatte, floh feige ins Exil in die Niederlande.

Veranstaltung in Frankfurt/Main,
am Samstag, 10. November, 14:00 Uhr
Saalbau Gallus Frankenalle 111

Nun begann der Kampf um die Macht. die SPD, die eben noch versuchte hatte, die Monarchie zu retten, ließ noch in der Nacht vor dem 9. November ein Extrablatt des Vorwärts drucken, in dem sie zum Generalstreik aufrief, der schon lange ohne sie organisiert worden war. Aus SPD-Betriebsvertrauensleuten schuf sie einen „Arbeiter- und Soldatenrat“, der ihnen als Marionette diente. Nun wollten sie sich anhängen und Einfluss gewinnen. Die „Kampflosung“ ihre Aufrufs lautete: „Arbeiter, Soldaten, sorgt für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung! Es lebe die soziale Republik!“ SPD-Führer Ebert vereinbarte gleichzeitig mit Max von Baden, dass dieser zurücktrete und ihm, Ebert, das Amt des Reichspräsidenten übertrage. Mit revolutionärem Pathos verkündete um 14 Uhr SPD-Führer Scheidemann vor dem Reichstagsgebäude den revolutionären Massen, die Monarchie sei gestürzt und rief die Republik aus. Um 16 Uhr verkündete Karl Liebknecht auf Beschluss des wirklichen revolutionären Arbeiter- und Soldatenrates den Sturz der Monarchie. Er erklärte: „Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen… Wenn auch das Alte niedergerissen ist, dürfen wir doch nicht glauben, dass unsere Aufgabe getan sei. Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens, des Glücks und der Freiheit unserer deutschen Brüder und unserer Brüder in der ganzen Welt. Wir reichen ihnen die Hände und rufen sie zur Vollendung der Weltrevolution auf.“

Zur gleichen Zeit fanden im Reichstag Verhandlungen zur Regierungsbildung statt. Viele Arbeiter forderten, dass Karl Liebknecht in dieser Regierung sein sollte, weil sie ihm vertrauten. Doch die rechten SPDler und auch die USPD-Führer lehnten alle Bedingungen der Spartakusgruppe und Liebknechts ab. So wurde eine Regierung aus Ebert, Scheidemann und Landsberg für die SPD und Haase, Dittmann sowie Barth für die USPD gebildet. Der Kampf um die Macht sollte blutig werden.

In einem dritten Teil werden wir die Kämpfe, die Gründung der KPD, die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sowie die Ergebnisse der Novemberrevolution behandeln.
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Diethard Möller

100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland

3. Teil: Der Kampf um die Macht!
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Diethard Möller

Oben habe ich beschrieben wie die Novemberrevolution am 3. November 1918 in Kiel ausbrach, sich rasch über ganz Deutschland ausbreitete und schließlich am 9. November zur Abdankung des Kaisers, dem Sturz der Monarchie und der Ausrufung einer sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht sowie der Ausrufung einer bürgerlichen Republik durch Phillip Scheidemann, SPD als Gegenprojekt führte und der Kampf um die Macht begann. Davor beschrieb ich den Weg zur Novemberrevolution: Die Umwandlung der SPD zur Kriegspartei, die den imperialistischen Weltkrieg auf Seiten des Kaisers, der Feudalen und des Kapitals unterstützte. Der Kampf der Revolutionäre gegen den Krieg sowie die Inhaftierung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mit Hilfe der SPD.
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Die Sozialdemokraten wollen die Revolution erdrosseln

Karl Liebknecht spricht in Berlin im Tiergarten, Bild: Bundesarchiv

Friedrich Ebert, SPD, hatte am 9. November, zur gleichen Zeit zu der Karl Liebknecht (KPD) die sozialistische Revolution ausrief, eine bürgerlich-parlamentarische Demokratie ins Leben gerufen, die er aber nach außen als „Revolutionsregierung“ und als „Rat der Volksbeauftragten“ aus SPD und USPD verkaufte. Er rief dazu auf, Ruhe zu bewahren, damit die Regierung arbeiten könne. Bereits am 10. November 1918 traf er mit dem obersten General und Militärführer Groener ein geheimes Abkommen, um die Revolution zu ersticken. Ebert sicherte zu, dass alle alten, reaktionären Offiziere ihre Posten und ihre Macht behielten sowie dass er gegen die Arbeiter-und Soldatenräte vorgehen werde. Dafür erhielt er die Unterstützung des reaktionären Militärs.

1922 erklärte Phillipp Scheidemann, einer der Führer der SPD, bei einer Versammlung in Friedrichshain:
„Eine antimonarchistische Propaganda, eine positiv republikanische Tätigkeit hat die Sozialdemokratie nie ge­trieben, weil für uns diese Frage bis zu einem gewissen Zeitpunkt nebensächlich erschien…
Die Unterstellung, dass die Sozialdemokratie die November­revolution gewollt oder vorbereitet hat, ist eine lächerliche, törichte Agitationslüge unserer Gegner…“

Unmittelbar nach der Revolution trafen sich vom 9. bis 12. November Vertreter der Großindustrie und die Führer der deutschen Gewerkschaften in Berlin. Am 15. November 1918 unterzeichneten sie einen Geheimvertrag, in dem die Gewerkschaftsführer zusagten,

  • „wilde Streiks“ zu beenden
  • für eine geordnete Produktion zu sorgen,
  • den Einfluss der Räte zurückzudrängen
  • eine Enteignung des Kapitals zu verhindern.

Das Kapital gewährte dafür den 8-Stunden-Tag und einen Alleinvertretungsanspruch der Gewerkschaften in den Betrieben. Das Letztere war vor allem gegen die Räte gerichtet, die beseitigt werden sollten. Den 8-Stunden-Tag hatte allerdings bereits die Revolution erkämpft. In vielen Betrieben hatten die Arbeiterräte, die faktisch die Macht hatten, bereits den 8-Stunden-Tag durchgesetzt. Es war also gar kein „Erfolg“, den die Gewerkschaftsführer den Arbeitermassen präsentierten.

Die SPD sorgte in den folgenden Tagen dafür, dass sowohl das alte Militär als auch der alte Staatsapparat unangetastet wurden. Am 12. November gab der „Rat der Volksbeauftragten“ einen Erlass heraus:
Das Vorgesetztenverhältnis des Offiziers bleibt bestehen. Unbedingter Gehorsam im Dienste ist von entscheidender Bedeutung für das Gelingen der Zurückführung in die deutsche Heimat. Militärische Disziplin und Ordnung im Heere muss deshalb unter allen Umständen aufrecht erhalten werden.
Die Soldatenräte haben zur Aufrechterhaltung des Vertrauens zwischen Offizier und Mann beratende Stimme in Fragen der Verpflegung, des Urlaubs, der Verhängung von Disziplinarstrafen. Ihre oberste Pflicht ist es, auf die Verhinderung von Unordnung und Meuterei hinzuwirken.

Fast alle kaiserlichen Minister und hohen Beamten behielten ihre Posten. Die Kleinstaaterei wurde nicht abgeschafft, sondern zur Spaltung benutzt. Auch in den Ländern blieben fast überall die alten Minister und Beamten.

Ein Problem hatten die SPD-Führer jedoch: Sie hatten keine funktionsfähige Gewaltmaschine. Das Heer war fast vollständig zersetzt. Truppen, die man gegen die Revolution einsetzen wollte, weigerten sich, auf Arbeiter und Soldaten zu schießen.

1919: Hetzplakat der SPD gegen Spartakus

Daher machten sich die SPD-Führer auch rasch und mit allen Mitteln daran, diesen Mangel zu beseitigen. Bis sie aber wieder über eine zuverlässige Gewaltmaschine verfügen konnten, mussten sie sich mit Täuschung und Demagogie durchmogeln. Öffentlich waren sie „Revolutionäre“. Intern waren sie voll Hass gegen die Revolution. Mit dem Geheimpakt zwischen Friedrich Ebert (SPD) und dem obersten General und Militärführer Groener waren die Weichen gestellt. Ebert gab den alten Reichswehr-Offizieren freie Hand, neue zuverlässige Truppen aufzustellen. Das geschah vor allem durch die Schaffung von so genannten Freikorps. Aus Spenden des Großkapitals und Geheimfonds der Reichswehr wurde die Bildung solcher bezahlter Mordbanden ermöglicht. Gesammelt wurden die reaktionärsten Kräfte. Oft gingen die Freikorps ein paar Jahre später direkt zu den Nazis über und stellten deren militärisches Rückgrat dar. Die SPD-Führung machte Druck, denn sie brauchte solche zuverlässigen, reaktionären Truppen, die bereit waren, Blut zu vergießen, um den Kapitalismus zu retten. Die Zusammenstellung, Ausbildung und Ausrüstung der Freikorps war aber nicht in kurzer Zeit und in ausreichender Menge zu bewerkstelligen, sodass es bis Anfang Januar 1919 dauerte, bis genügend zuverlässige, reaktionäre militärische Einheiten zur Verfügung standen.

Bis dahin mussten die SPD-Führer taktieren, lavieren, täuschen und betrügen. Sie traten als „Revolutionäre“ auf.

Kurz vor dem „ Ersten Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte“, der am 16.12.18 begann, versuchte der SPD-Führer Ebert zusammen mit Groener durch einen militärischen Putsch, diesen zu verhindern. Der Putsch scheiterte, weil ein Regiment zu früh losschlug. 16 Revolutionäre wurden dabei ermordet. Allerdings war Ebert offiziell nicht der Urheber dieses militärischen Gewaltstreiches, der scheiterte, sondern ein „Gegner“. Obwohl Ebert den Kongress nicht wollte, sah er sich gezwungen, dort als „Revolutionär“ und „Sozialist“ aufzutreten, den „ Ersten Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte“ zu manipulieren und sich mit Tricks und Lügen eine Mehrheit zu schaffen. So hatten sie im Vorfeld dafür gesorgt, dass nur ein Drittel der Delegierten Arbeiter und Soldaten waren, dafür ein weiteres Drittel aus sozialdemokratischen Bürokraten, die sich die Unterstützung der ebenfalls vertretenen bürgerlichen Kräfte sicherten. So bestätigte der Kongress die Position Eberts und des „Rates der Volksbeauftragten“.

Militärisch war Berlin in dieser Zeit in der Hand der Revolutionäre. Doch diese waren nicht gut genug organisiert, ideologisch und politisch zersplittert. Es fehlte eine Kommunistische Partei, die den Aufstand anführen und zum Sozialismus führen konnte. Diese Schwäche konnten sich die reaktionären Kräfte und die SPD-Führer zunutze machen, um die Revolution schrittweise zurückzudrängen und schließlich auszulöschen. Doch das war angesichts der Machtverhältnisse ein weiter und grausamer Weg.

Unterstützung erhielten die SPD-Führer durch die Führung der USPD. Von ihren Mitgliedern her war die USPD eine revolutionäre Partei mit starkem Einfluss in der Arbeiterklasse. Aber die Führung war im Gegensatz dazu opportunistisch und bremste die Revolution nach Kräften unter vielen „revolutionären“ Phrasen. Sie traten am 9. November in den „Rat der Volksbeauftragten“ ein und regierten mit Ebert gegen die Revolution. Auch sie hofften darauf, die Revolution beenden zu können. Während die Masse der Arbeiter und Soldaten nach Russland schaute, wo der erste sozialistische Staat entstand und gute Beziehungen zur Sowjetregierung wollte, stand im Protokoll des Rates der Volksbeauftragten vom 19. November:
„1. Fortsetzung der Besprechung über das Verhältnis Deutschlands zur Sowjetrepublik. Haase (Führer der USPD, d. Red.) rät dilatorisch (d.h. hinhaltend) vorzugehen… Kautsky (damals für die USPD Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, d. Red.) schließt sich Haase an: Die Entscheidung müsse hinausgeschoben werden. Die Sowjetregierung würde sich nicht mehr lange halten, sondern in wenigen Wochen erledigt sein…“

Die Rolle der USPD entspricht ungefähr der der Linkspartei. „Links blinken, rechts abbiegen“ ist das passende Motto. Um die kämpferische Basis zu beruhigen und zu betrügen, findet man scharfe Worte zur Verurteilung des Kapitalismus und der Kriege. Wo immer man aber regiert oder mitregiert, macht man das, was das Kapital erzwingt und braucht. Für die Massen gibt es ein paar Krümel vom Tisch der herrschenden Klasse, die dann als große Reformen und Siege gefeiert werden.

Kein Geringerer als Gregor Gysi hat das am 30. März 1994 gegenüber der Illustrierten Stern treffend erklärt: „Die Klügeren unter unseren Gegnern werden irgendwann anerkennen, dass die PDS die bessere Art ist, den Protest einzufangen.“
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Der Kampf spitzt sich zu

Nach und nach hatte Ebert in Berlin zuverlässige reaktionäre Truppen stationieren lassen. Mit diesen wollte er vor Weihnachten endlich einen militärischen Schlag gegen die Revolution führen. Dazu wurden Konflikte mit der „Volksmarinedivision“ genutzt. Nach dem 9. November hatte die Regierung zu ihrem Schutz die neu gebildete Volksmarinedivision von Kiel nach Berlin beordert. Doch diese war der Revolution treu. So hatte sie sich geweigert, an dem Putsch gegen den „ Ersten Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte“ teilzunehmen. Otto Wels, SPD, verweigerte ihnen nun ihren Sold und wollte die Einheit auflösen.

Am 23. Dezember besetzten die Matrosen die Reichskanzlei, stellten den „Rat der Volksbeauftragten“ unter Arrest und nahmen Otto Wels gefangen. Statt aber die Regierung aufzulösen und die Macht zu übernehmen, verlangten sie nur ihren Sold.

Friedrich Ebert, ein Meister der Intrige, kontaktierte über eine geheime Telefonleitung die Oberste Heeresleitung, die sich vorsichtshalber in Kassel verkrochen hatte. Am 24. Dezember gab Ebert den Befehl, dass reaktionäre Truppen das Stadtschloss, in dem die Volksmarinedivision untergebracht war, stürmen sollten. Rücksichtslos und brutal wurde mit Mörsern und Granaten angegriffen. Doch die Volksmarinedivision wehrte sich tapfer und bescherte den Angreifern eine heftige Niederlage. Sie mussten sich nach erheblichen Verlusten geschlagen zurückziehen. 56 Regierungssoldaten, elf Matrosen und einige Zivilisten verloren dabei ihr Leben. Ebert führte danach Verhandlungen. Die Matrosen erhielten ihren Sold und das Versprechen, dass die Volksmarinedivision nicht aufgelöst würde. Dafür räumten sie das Stadtschloss im Zentrum Berlins und ließen Otto Wels frei.

Damit war offensichtlich, dass der „Rat der Volksbeauftragten“ mit SPD und USPD keinerlei Macht besaßen. Die Macht lag in den Händen der bewaffneten Arbeiter und Soldaten. Doch diese nutzten ihre Macht nicht, um eine Räteregierung zu errichten. Während die Revolutionäre zögerten, unklar voller Illusionen und uneins waren, war das die Gegenseite nie. Sie bereitete sich auf den Gegenschlag vor.
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Erstveröffentlichung von 21. Januar bis 5. September in Arbeit-Zukunft. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.
Bilder und Bildunterschriften wurden zum Teil von der Redaktion AmericanRebel hinzu gefügt.
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